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	<title>Markus Deisenberger - Texte &#38; Musikmanagement &#187; Literatur</title>
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		<title>Was in Erinnerung bleibt</title>
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		<pubDate>Sun, 24 Mar 2019 09:38:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Deisenberger]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[News]]></category>

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		<description><![CDATA[<p><img width="210" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Bildschirmfoto-2018-12-15-um-12.53.52-210x300.png" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Bildschirmfoto 2018-12-15 um 12.53.52" /></p>Mein erster Roman ist bei Edition Laurin erschienen und ab sofort im Fachhandel als Hardcover und Kindle-Version erhältlich. Dia Handlung: Paul Fossel erbt Geld. Genug Geld, um seinen langweiligen Job hinter sich zu lassen und ein neues Leben zu beginnen. Er erwirbt das Haus seiner Großmutter, in dem er die schönsten Stunden seiner Kindheit verbracht [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="210" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Bildschirmfoto-2018-12-15-um-12.53.52-210x300.png" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Bildschirmfoto 2018-12-15 um 12.53.52" /></p><p>Mein erster Roman ist bei Edition Laurin erschienen und ab sofort im Fachhandel als Hardcover und Kindle-Version erhältlich.</p>
<p>Dia Handlung:</p>
<p>Paul Fossel erbt Geld. Genug Geld, um seinen langweiligen Job hinter sich zu lassen und ein neues Leben zu beginnen. Er erwirbt das Haus seiner Großmutter, in dem er die schönsten Stunden seiner Kindheit verbracht hat, und zieht dort mit zwei Freunden – einem Friedhofsgärtner und seiner thailändischen Masseuse – ein. Das Idyll der WG währt nicht lange und er beschließt nach Kreta abzuhauen. Dort trifft er auf seinen alten Freund Michalis, einen anarchistischen Kneipenwirt und auf Scott, einen zwielichtigen Touristenboot-Kapitän, in dem er eine Art Alter Ego zu erkennen glaubt. Als seine große Liebe Eirini überraschend auftaucht, beginnen die Dinge aus dem Ruder zu laufen: Ernüchternde Abendessen mit seiner Jugendfreundin, gewalttätige Demonstrationen, Wald-brände, Schlägereien und organisiertes Verbrechen. Paul gerät in einen Strudel von Ereignissen. <i>Was in Erinnerung bleibt </i>ist ein Buch über die Suche nach <i>dem </i>Idyll, nach <i>dem </i>Sehnsuchtsort, an dem wir sorgenfrei leben können.</p>
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		<title>Fasziniert und kritisch zugleich</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Feb 2018 15:37:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Deisenberger]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[<p><img width="300" height="200" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/VS_2017_01_Baumann_Manfred-18-300x200.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="VS_2017_01_Baumann_Manfred" /></p>  Manfred Baumann ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Krimi-Autoren. Seine Salzburg-Krimis mit Kommissar Merana als Ermittler genießen Kult-Status. Der vierte Band der Reihe, „Drachenjungfrau“, wurde im Rahmen der Land Krimi-Serie des ORF verfilmt – mit Manuel Rubey und „Buhlschaft“ Stefanie Reinsperger in den Hauptrollen.   &#160; Schreiben wollte Manfred Baumann immer schon. Als er im [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="300" height="200" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/VS_2017_01_Baumann_Manfred-18-300x200.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="VS_2017_01_Baumann_Manfred" /></p><p><em> </em></p>
<p><em>Manfred Baumann ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Krimi-Autoren. Seine Salzburg-Krimis mit Kommissar Merana als Ermittler genießen Kult-Status. Der vierte Band der Reihe, „Drachenjungfrau“, wurde im Rahmen der Land Krimi-Serie des ORF verfilmt – mit Manuel Rubey und „Buhlschaft“ Stefanie Reinsperger in den Hauptrollen. </em></p>
<p><em> </em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Schreiben wollte Manfred Baumann immer schon. Als er im zarten Volksschulalter endlich die gewünschte Schreibmaschine bekam, war das erste, was er darauf schrieb, dann auch ein Krimi. Die Reaktionen auf die fertige Geschichte, die der junge Manfred anderntags stolz in der Schule vortrug, waren zwar bescheiden, wie er sich heute amüsiert erinnert, dennoch schien der Weg vorgezeichnet: Er wollte Krimi-Autor werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch wie so oft kommt dann eine so genannte „normale“ Karriere in die Quere. So scheint es zumindest, denn Baumann war insgesamt 35 Jahre beim ORF tätig, bevor er 2014 auf eigenen Wunsch ausschied. Der Job – zuletzt leitete er die Kreativabteilung und die Abteilung Volkskultur – und die immer zeitintensivere Leidenschaft des Krimischreibens, sie ließen sich einfach nicht mehr miteinander vereinbaren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dabei war auch Baumanns Eintrittskarte in den ORF ein Krimi gewesen. Im Rahmen des damals beliebten Features der „Funkerzählung“ hatte er in den späten 1970ern ein Kriminalhörspiel eingereicht. Mit Erfolg. Sein Drei-Personen-Stück wurde gesendet. Eines allerdings hatte er nicht bedacht: Das Hörspiel wurde nach Minuten bezahlt. Obwohl damals 30 Minuten zur Verfügung standen, dauerte sein Stück nur 22 Minuten. „Ich dachte mir: Du Trottel, hättest du die drei einfach 8 Minuten später sterben lassen “, erzählt er lachend. „Mein nächstes Hörspiel dauerte dann 40 Minuten und musste gekürzt werden.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Baumanns Talent für Figurenzeichnung und Dramaturgie, das sich damals schon zeigte, blieb auch in ORF Kreisen nicht unentdeckt. Man bot ihm an, Rezensionen zu schreiben. Es folgten andere, redaktionell intensivere Tätigkeiten. Und ehe er es sich versah, steckte er in einem 40-Stunden-Job. Aber der erste Kriminalroman? Der ließ auf sich warten. „Dafür war einfach nie Zeit.“ Zu sehr war er in das tägliche Programm des Senders eingebunden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die entscheidende Wende erfuhr Baumanns Geschichte dann in den 1990er Jahren, als</p>
<p>Donna Leon mit ihren Venedig-Krimis zu einem beispiellosen Siegeszug innerhalb der Kriminal-Literatur ansetzte. Baumann als großer Venedig- und Krimi-Fan war begeistert.</p>
<p>„Wie man eine Stadt literarisch so leben lassen kann, hat mich riesig fasziniert.“</p>
<p>Plötzlich die Eingebung: So etwas müsste sich doch auch mit Salzburg bewerkstelligen lassen. Und Baumann probierte es. Um die vierzig Seiten des heute unter dem Titel „Jedermanntod“ bekannten ersten Merana-Krimis entstanden. Damals trug er noch den Titel „Tod in Salzburg“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Idee dahinter war so einfach wie brilliant: Eine Leiche liegt auf dem Domplatz. Es ist der Tod aus dem Jedermann. „Sich zu fragen, wer dem Tod den Tod geschickt hat – das gefiel mir.“ So richtig zünden wollte die Idee zunächst trotzdem nicht. Baumann ließ es wieder sein. Der ORF-Job hatte einfach Priorität, und die ersten vierzig Seiten wanderten in die Schublade.</p>
<p>Dann, einige Jahre später, der Schock: Aus der Zeitung erfuhr Baumann davon, dass Wolf Haas nächster Brenner-Krimi „Silentium“ in Salzburg spielen würde.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Er hätte sich ohrfeigen können. „Aus, vorbei, dachte ich. Jetzt ist es zu spät. Unverzeihlich, so lange gewartet zu haben&#8230;“ Als sich dann aber herausstellte, dass Silentium kein Salzburg-Krimi a la Donna Leon würde, sondern dass Haas seinen Helden einfach für ein Abenteuer in den Salzburger Sumpf aus Verbrechen und Korruption gesetzt hatte, witterte Baumann eine zweite Chance. Doch die Zeit drängte: „Wenn du jetzt nicht anfängst, schreibst du es nie wieder, sagte ich mir.“ Und das tat er. Der Rest ist Krimi-Geschichte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Fünf Merana-Romane und mehrere Erzähl-Bände gibt es inzwischen. Die Annahme, „Salzburg böte genauso viel Atmosphäre wie Venedig“ hat sich somit eindrucksvoll bestätigt. Zumindest die Merana-Krimis folgen dabei alle demselben Formel: Zuerst kommt der Tatort. „Steht der einmal fest, ergibt sich die Geschichte von selbst“, so Baumann. Kein Wunder, dass die Tatorte für Salzburg-Kenner beinahe logisch klingen: Zuerst also der Domplatz, dann der Fürstentisch in Hellbrunn („Wasserspiele“) .In „Zauberflötenrache“ schließlich stirbt die Königin der Nacht auf der Festspielbühne. Spätestens wenn in „Mozartkugelkomplott“ ein Schauspieler in Mozarts Geburtshaus stirbt – auf dem Kopf eine Mozartperücke, in der Hand eine Mozartkugel – fragt man sich, ob das nicht ein wenig übertrieben ist. „Freilich. Ein bisschen schon, das gebe ich zu“, lenkt der Autor ein. Aber: Die Verortung gäbe ihm die Möglichkeit, im Zuge der Recherche viel über den Ort, dessen Flair und die dahinterstehende Geschichte erzählen. Und genau das ist es, was den Reiz von Baumanns Krimis ausmacht: Man kann dem vordergründigen Plot folgen und die Spannung genießen, und zugleich kann man in die reichhaltige Kulturgeschichte eintauchen, die sich rundherum rankt. Und aus einem Schema kann man ja auch ausbrechen: So für Meranas vierten Fall „Drachenjungfrau“, der erst neulich als Salzburg-Ausgabe des ORF Landkrimis im Fernsehen zu sehen war. Baumann war dafür nach langer Zeit wieder einmal nach Krimml gefahren, und hat sich sofort aufs Neue in die Gegend verliebt. “Als ich die Magie und die Wucht des Wasserfalles wahrnahm, – war mir sofort klar, dass das Buch hier spielen muss.“ Dass der ORF aufsprang, bezeichnet er als Glückssache. Mit der Verfilmung ist Manfred Baumann sehr zufrieden, und nicht wenige Fans hoffen, dass der ersten eine weitere folgen wird.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Aber, wollen wir zum Abschluss wissen, wie viel hat der beliebte Ermittler eigentlich von Baumann selbst? „Doch einiges“, gibt er zu. Neben der Liebe für Kultur und guten Wein sei es vor allem der Blick von außen: „Mir war von Anfang an klar, dass ich einen Ermittler will, der wie ich nicht in Salzburg aufgewachsen ist. Ich wollte ihm etwas mitgeben, was für diese Stadt auch ganz charakteristisch ist: die Italianitá, die schon im Namen mitschwingt.“ Eine ganz klare Parallele: Baumanns Eltern sind Südtiroler, eine Urgroßmutter Italienerin. „So setzte ich ihn in den Pinzgau, wo es ja auch die geographische Nähe zu Italien gibt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wie auch ich,“ sagt der gebürtige Halleiner, „hat auch Merana seine Bewunderung, das Fasziniertsein von Salzburg nie abgelegt, sich gleichzeitig aber einen kritischen Blick bewahrt. Und eines noch: wir machen beide alles zu 120%.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Manfred Baumann</strong></p>
<p>Neben seiner Tätigkeit als Krimi-Autor ist Manfred Baumann noch als Moderator und Kabarettist tätig. Donna Leon war zwar für die Entstehungsgeschichte seiner Krimis wichtig, seine Lieblingsautoren im Krimifach sind allerdings eindeutig Georges Simenon, Agatha Christie und Henning Mankell. Manfred Baumanns Bücher, zuletzt der Kräuterkrimi &#8222;Salbei, Dill und Totengrün&#8220;, sind im Gmeiner Verlag erschienen.</p>
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		<title>Raus aus dem schwarzen Loch</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Feb 2018 15:30:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Deisenberger]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[<p><img width="225" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/B6609442-Bearbeitet-e1518622208532-225x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Stefan Fürtbauer" /></p>&#160; Als sie binnen kürzester Zeit Vater, Mutter und den Bruder verliert, entscheidet sich Adele Neuhauser, ihr Leben aufzuschreiben. Ein guter Entschluss, denn &#8222;Ich war mein größter Feind&#8220; ist trotz mehrerer Selbstmordversuche in ihrer Jugend und der jüngsten Schicksalsschläge ein äußerst positives Buch geworden. Voll Zuversicht blickt die Schauspielerin in die Zukunft, weil sie sich [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="225" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/B6609442-Bearbeitet-e1518622208532-225x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Stefan Fürtbauer" /></p><p>&nbsp;</p>
<p><em>Als sie binnen kürzester Zeit Vater, Mutter und den Bruder verliert, entscheidet sich Adele Neuhauser, ihr Leben aufzuschreiben. Ein guter Entschluss, denn &#8222;Ich war mein größter Feind&#8220; ist trotz mehrerer Selbstmordversuche in ihrer Jugend und der jüngsten Schicksalsschläge ein äußerst positives Buch geworden. Voll Zuversicht blickt die Schauspielerin in die Zukunft, weil sie sich auf das freut, was noch kommen wird. Das Neue, Ungelebte.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>Mit Vision. Salzburg sprach sie darüber, wie man Frieden mit der Vergangenheit schließt und die eigenen Schwächen für den Beruf nutzt.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Viele Biographien sind nostalgische Rückschau. Bei Ihrer gibt es auch alte Fotografien und Tagebucheinträge zu sehen, aber das Buch ist insgesamt doch sehr nüchtern, schonungslos und zukunftsorientiert. War das eine bewusste Entscheidung?</strong></p>
<p>Ja, das war eine ganz bewusste Entscheidung. Ich wollte nach den Schicksalsschlägen der letzten beiden Jahre anfänglich fast nicht mehr weiterschreiben, weil ich die Befürchtung hatte, es könnte möglicherweise eine zu bedrückende Lektüre werden. Doch dann wurde mir erneut bewusst, dass das Buch auch eine Chance für mich ist. Nicht nur, um das Geschehene zu verarbeiten.</p>
<p><strong>Das Aufschreiben Ihrer Erinnerungen habe Sie verändert, schreiben Sie. Inwiefern? Wird man gegenüber dem Geschehenen, wenn es einmal schwarzweiß vor einem steht und man es noch einmal durchlebt, und dadurch auch sich selbst gegenüber milder?</strong></p>
<p>Ich habe beim Aufschreiben vieler schmerzlicher Dinge einerseits gelernt loszulassen, aber auch die guten und schönen Seiten entdeckt. In gewisser Weise habe ich den Frieden mit mir und meiner Vergangenheit gemacht. Ich wusste schon, bevor ich zu schreiben anfing, rein abstrakt, dass ich vieles erledigt und überwunden hatte. Wie zum Beispiel meine depressive Phase in meiner Jugend. Aber durch das Hinschreiben hab´ ich es nochmals auf heilsame Weise gefühlt.</p>
<p><strong>Sie haben sechs Selbstmordversuche verübt und erzählen in aller Offenheit davon. Schließlich sei das ein Teil Ihres Lebens, den Sie nicht verleugnen wollen, schreiben Sie. Das klingt einfacher als diese Entscheidung wohl gewesen sein muss. Wie lange mussten Sie dafür mit sich ringen? Und: Hat Sie jemand bei dieser Entscheidung unterstützt?</strong></p>
<p>Ich hatte ja schon vor einigen Jahren offen über meine dunkle Phase gesprochen, in der Hoffnung anderen vielleicht zu helfen, die sich in einer ähnlich ausweglosen Situation befinden. Ich wollte Ihnen zeigen, dass man sich überleben kann und auch gestärkt aus diesem schwarzen Loch herauskommen kann. Die vielen Reaktionen, die ich damals erhalten habe, zeigten mir, dass es richtig war, offen darüber zu reden. Ich habe diese Entscheidung ohne großes Ringen und für mich alleine getroffen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Sie beschreiben Schauspiel als Möglichkeit, dem eigenen Ich zu entkommen. Gab Ihnen die Schauspielerei den Halt, den Sie im Leben vermissten, indem Sie sich &#8222;an den Figuren anhielten&#8220;, wie Sie das einmal so schön beschreiben?</strong></p>
<p>Ja. Ich konnte durch das Verkörpern anderer Charaktere vieles über andere und auch schwierige Schicksale lernen und durchleben und so verloren meine eigenen Umstände an Grausamkeit. Im Gegenteil, meine Erfahrungen mit mir machten mein Spiel reicher. So lernte ich, dass mich meine Schwächen im Leben stark für meinen Beruf machten.<br />
<strong>Wie fühlt sich die Rückkehr ins eigene Leben nach dem Ende des Applauses an? </strong></p>
<p>Man kehrt genährt und gestärkt zurück, sehnt sich aber auch doppelt und dreifach nach der nächsten Vorstellung.</p>
<p><strong>In einer Episode beschreiben Sie Ihre Leidenschaft und Hingabe fürs Theater anhand Ihrer Abneigung gegen jede Art von Ablenkung. Es hat sie immer geärgert, wenn Sie Leute, die gerade nicht auf der Bühne waren, teilnahmslos erlebten, weil das Besondere nur aus einer kollektiven Energie &#8222;und nur dann entstehen kann, wen alle daran glauben und auch tatkräftig daran mithelfen.&#8220; Hat dieser Idealismus über all die Jahre, in denen Sie auf der Bühne oder vor der Kamera wirken, gelitten, oder ist er ungebrochen?</strong></p>
<p>Ich bin bis heute der Meinung, dass reiche Theatererlebnisse für die Agierenden, wie auch für das Publikum nur dann entstehen, wenn dieser Geist über dem Abend schwebt. Aber ich bin mittlerweile milder geworden und lasse auch andere Konzepte gelten.<br />
<strong>Als Rollen bevorzugen Sie &#8222;die wahrhaftigen Charaktere, die jenseits der Fiktion von Sauberkeit, Perfektion und einem bruchlos gelungenen Leben angesiedelt sind&#8220;. Wird das Auffinden solcher Rollen nicht zunehmend schwerer, wenn sogar im Tatort aus neuer Korrektheit nicht mehr geraucht und auch kein Bier getrunken werden darf?</strong></p>
<p>Gute Stoffe waren immer schon rar und schillernde Charaktere, besonders für Frauen, ebenso. Aber die Lust am Geschichten erzählen ist groß und so suche ich mit großer Zuversicht weiter.</p>
<p><strong>Die einzigartige Kraft des Schauspiels liege darin, Tote wiederauferstehen zu lassen, sagen Sie. Klingt nach inniger Liebe. Vermissen Sie diesen mystischen Ort Theater nicht manchmal sehr? </strong></p>
<p>Ja ich vermisse das Theater! Sehr sogar. Aber es wird wieder der Zeitpunkt und das richtige Stück kommen. Da bin ich sicher.</p>
<p><strong>Apropos Mythos: Sie haben einmal die Callas gespielt. Wie nähert man sich solch einer mythischen Figur?</strong></p>
<p>Mit großer Hingabe und Ehrfurcht. Ich habe sie aus den verschiedensten Filmdokumenten und Interviews bis in die kleinste Geste studiert. Das war fast eine detektivische Arbeit, aber sehr inspirierend und aufregend.<br />
<strong>Sie haben eine tiefe Verbindung mit Griechenland, ihr Vater war Grieche, Sie sind teils dort aufgewachsen und bezeichnen Amorgos als Ihre zweite Heimat. Was lieben Sie an Griechenland?</strong></p>
<p>(seufzt) Alles. Die Natur und die wunderbaren herzlichen Menschen.</p>
<p><strong>Wie ging es ihnen, als das Land in der Schuldenkrise war und förmlich in die Knie gezwungen wurde?</strong></p>
<p>Es hat mich wütend und traurig gemacht. Aber jetzt muss man nach vorne schauen und versuchen, die Fehler der Vergangenheit zu reparieren und jungen Menschen Mut machen, sie in ihren Ideen unterstützen, damit sie nicht gezwungen sind, das Land zu verlassen.<br />
<strong>An Deck eines griechischen Fährschiffes Studenten haben Sie beim Singen der damals verbotenen Lieder von Mikis Theodorakis gelauscht und Sie haben die russischen Panzer mit eigenen Augen durch die Straßen Prags rollen sehen. Wie prägen einen solche Erlebnisse politisch?</strong></p>
<p>Zumindest hat mir das Erlebte gezeigt, in welch bedrohliche Situationen falsche Politik ein Volk stürzen kann. Dass es großer Zivilcourage bedarf, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Und dass wir alle verantwortlich sind!<br />
<strong>Würden Sie sich heute immer noch als politischen Menschen bezeichnen? </strong></p>
<p>Sicher bin ich ein politischer Mensch. Ich versuche mit meinen Mitteln auf untragbare Situationen aufmerksam zu machen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Was bringt Sie auf, ärgert Sie an der heutigen Politik?</strong></p>
<p>Besonders ärgert mich, wie Angst und Hetze betrieben werden und sich der allgemeine Ton verändert und Respektlosigkeit immer mehr zum Alltag gehören.</p>
<p><strong>Heiner Müller hat einmal gesagt, Voraussetzung für lebendiges Theater sei ein gewisser Überschuss an krimineller Energie. Können Sie dem etwas abgewinnen?</strong></p>
<p>Ich würde lieber den Künstler Horst Janssen zitieren wollen, der meinte: „ Wen die Götter lieben, den lassen sie spinnen.“<br />
<strong>Vielen Dank für das Gespräch.</strong></p>
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		<title>Das Streben nach Glück</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Feb 2018 12:58:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Deisenberger]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[<p><img width="200" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Fanz_Schuh-200x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Fanz_Schuh" /></p>Franz Schuh, einer der profiliertesten Essayisten des Landes. In seinem aktuellen Werk „Fortuna“ beschäftigt er sich mit dem Glück. Ein Gespräch über feierliche Einsamkeit, Zeitgeiz und das unerträgliche Glück der anderen. &#160; In Ihrem aktuellen Buch „Fortuna“ fand ich einen der schönsten Sätze, den ich seit langem gelesen habe. Das muss ein Zitat sein. &#160; Nein. [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="200" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Fanz_Schuh-200x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Fanz_Schuh" /></p><p><em>Franz Schuh, einer der profiliertesten Essayisten des Landes. In seinem aktuellen Werk „Fortuna“ beschäftigt er sich mit dem Glück. Ein Gespräch über feierliche Einsamkeit, </em><em>Zeitgeiz und das unerträgliche Glück der anderen.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>In Ihrem aktuellen Buch „Fortuna“ fand ich einen der schönsten Sätze, den ich seit langem gelesen habe.</strong></p>
<p>Das muss ein Zitat sein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Nein.</strong></p>
<p>Jetzt bin ich aber gespannt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Er lautet: „Mich befiel eine Einsamkeit, mit der ich glücklich war, weil sie am Ende einer feierlichen Stimmung doch sehr nahekam.“ Das klingt ein wenig, als habe sich ein heilloser</strong></p>
<p><strong>Melancholiker mit seiner Sicht der Dinge abgefunden.</strong></p>
<p>Nein, abgefunden habe ich mich mit gar nichts. Ich habe ja auch keine Abfindung kassiert. Der Gedanke liegt anderswo: Dass Feierlichkeit unter Umständen nur gegen das funktioniert, was als kollektive Festlichkeit auftritt. Der wahre Karneval ist also das, was ein Mensch mit sich selber haben kann, wenn er angesichts der Verhältnisse diese lustig findet. Aber mit dem Traurigsein ist es genauso: In der Einsamkeit ist ein Feierlichkeitsgefühl möglich, das nervös im Kollektiv nur vorgetäuscht wird.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Ein Buch über etwas so Unfassbares wie Glück zu schreiben, klingt erst mal nach einem gewaltigen Eigentor. Hat es sich als solches erwiesen? Wie schwer war es, sich diesem Phänomen anzunähern?</strong></p>
<p>Bei dieser Glücksgeschichte wird immer ein und derselbe Fehler gemacht: Dass es ein Problem sei, dass sich niemand drauf einigen kann, was Glück ist. Das ist ein Fehler, weil gerade die Stärke des Glücks in Form und Inhalt darin besteht, ein pluralistischer Begriff zu sein. Da muss man den Philosophen Hans Blumenberg zitieren, der das sehr eingängig dargestellt hat: „Würden wir wissen, was das Glück ist, würden wir Idioten uns alle dort anstellen“. Dass wir es eben nicht wissen bzw. uns nicht darauf einigen können, ist gerade das Wunderbare.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Hat sie die Beschäftigung mit dieser enormen Vielfalt schlauer gemacht, ja vielleicht sogar dem persönlichen Glück nähergebracht?</strong></p>
<p>Das ist der zweite Irrtum: Dass ein Theoretiker des Glücks naturgemäß jemand sein muss, der entweder besonders glücklich oder besonders unglücklich ist. Dem ist nicht so. Mich interessiert am Glück, dass jeder, der darüber nachdenkt und sich dazu äußert, zugleich ein Konzept hat, oder nennen wir es Menschenbild, eine gedankliche Programmierung, in deren Rahmen er dies oder jenes Glück nennt. Mich interessieren die Gedankenkonzepte einschließlich des Konzeptes, dass man vom Glück überhaupt nichts hören will, weil es angeblich eine spießige Angelegenheit sei.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Die heute sehr populären Lebensratgeber beanspruchen meistens für sich, den einen Weg zum Glück parat zu haben. Versteht sich Ihr Buch in seiner bewussten Vielfalt als Gegenentwurf zum modernen Lebensratgeber?</strong></p>
<p>Ich habe zu Lebensratgebern eine neutrale Meinung, aber was mir auffällt ist, dass die meisten ein geradezu mechanisches Weltbild haben: Die Argumentation beispielsweise, wonach der Alltag eine quälende Last sei. Also, sagt der Lebensratgeber, muss man etwas anders machen als bisher. Man muss – und diese Absurdität habe ich tatsächlich gehört und sie ist auf ihre Art auch unfreiwillig witzig – morgens mit einer anderen Zahnbürste die Zähne putzen, dann beginnt die Veränderung. Und durch das Anderssein ist der Alltag nicht mehr die Last, die er vorher war. Dahinter steckt ein mechanisches Anstoßdenken. Man müsse den Leuten nur Anstoß geben, dann ändert sich etwas. Gesamtgesellschaftlich gesehen ist die Ratgeberschaft der Versuch, Abstraktionen direkt auf reale Situationen anzuwenden, und das fällt ziemlich ideologisch aus. Ideologie aber ist notwendig falsches Bewusstsein. Es fehlt die Einsicht ins andere Menschenleben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Sie zitieren Aristoteles, der sinngemäß gesagt hat, wenn man ihn fragen würde, was uns alle eint, dann wäre es das Streben nach Glück. Andererseits schreiben Sie, dass es das Glück ist, das uns Menschen voneinander trennt, weil die wenigsten glücklich sind. Ist das nicht geradezu absurd?</strong></p>
<p>Das ist im Augenblick leider eine ganz wesentliche Geschichte: Das Glück, das die anderen haben, ist für manche die Ursache des eigenen Unglücks. Man erträgt das Glück der anderen nicht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Spielen Sie da auf die so genannten „Abgehängten“ an?</strong></p>
<p>Nein, ich liebe die Abgehängten. Ich bin ja selber einer. Ich spiele auf etwas an, was Abgehängte genauso haben können wie Insider: Ressentiments. In der gesellschaftlichen Hierarchie ist einer immer stärker als der andere. Die Befürchtung, ein anderer sei stärker als man selbst, ist in jeder Situation dieser Konkurrenzgesellschaft präsent. Also jeder kann sozusagen ein Ressentiment erleiden. Dass nur die Abgehängtem die so genannten Modernisierungsverlierer, diese Eigenschaften hätten, ist schlicht falsch. Wenn ich manche Bankdirektoren reden höre, findet man dieses Gefühl, von der Politik zurückgesetzt zu sein, genauso. Die reagieren genauso ressentimentgeladen, wie man das bei uns Abgehängten findet. Und es gibt durchaus Angehängte, die mit sich gut umgehen können und den Ressentiment-Anteil, den ihre Seele natürlich auch hat, zivilisieren. Ich halte Ressentiments für unausbleiblich.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Gehen wir zum zwischenmenschlichen Glück: „Jeder bringt für sich die Zutaten fürs Glück mit“ schreiben Sie. Mitunter aber stelle sich bei näherer Betrachtung heraus, dass die Zutaten zu verschiedenen Arten von Glück gehören. Was bringt einer Beziehung Glück? Ist es das ständige Abgleichen, ob man noch eine kongruente Vorstellung von Glück hat?</strong></p>
<p>Seltsamerweise glaube ich, dass es genau das ist, was tatsächlich passiert. Das Abgleichen passiert allerdings nicht in Form von Listen, die man frühmorgens gemeinsam abhakt, sondern es gibt eine bewusst unbewusste Strategie, bei der man erkundet, ob das, was man selbst für Glück hält, vom anderen mitvertreten wird oder noch eine Entsprechung findet. Und in diesen Zusammenhängen muss man auch zur Kenntnis nehmen, befinden sich sehr viele Risse. Da kann man viele Risse bemerken.</p>
<p>Ein Psychologe wie Ronald Laing hat so manche Konstellation aufgezeigt, aus denen man plausibel entnehmen kann, wie es aussieht, wenn es nicht funktioniert: Ein Ehepaar fährt z.B. auf Hochzeitsreise und das Paar zerstreitet sich hoffnungslos. Warum? Weil er die Vorstellung hatte: Jetzt bin ich verheiratet. Jetzt kann ich endlich mit meiner Frau in die Öffentlichkeit gehen. Und sie hatte die Vorstellung: Jetzt bin ich verheiratet. Jetzt kann ich endlich mit meinem Mann allein sein. Solche plumpen Gegensätze können sich entfalten. Die Risse, die entstehen sind viel subtiler. Dafür haben wir dramatische Literatur, die diese feinen Risse genau zeigen kann.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Sie beschreiben den „Zeitgeiz“, d.h. den aktuellen Drang, möglichst jede Stunde mit Aktivität vollzustopfen, was Sie als lebendfeindlich und widerwärtig empfinden.</strong></p>
<p><strong>Ist es dieser Zeitgeiz, der uns am Glück hindert? Oder umgekehrt: Kann der verschwenderische Umgang mit Zeit Glück bedeuten?</strong></p>
<p>Nur dann, wenn das schlechte Gewissen wegfällt. Da gibt es diese Geschichte von Botho Strauß, in der ältere Damen Unmengen an Kuchen in sich hineinstopfen, dabei allerdings kein Glück empfinden, weil sie ein schlechtes Gewissen plagt. Diese Mischung aus Genuss und schlechtem Gewissen ist besonders bei Alkoholikern stark ausgeprägt. Sie sind traurig, weil sie getrunken haben. Und weil sie traurig sind, trinken sie weiter. Das ist eine verdammte Falle.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Im Buch streifen Sie auch unseren merkwürdigen </strong><strong>Umgang mit Sucht, der sich durch </strong></p>
<p><strong>Ausschlussfreudigkeit und Diskriminierungslust auszeichnet: Zuerst hat man sich die Raucher vorgeknöpft, dann kamen die Fettleibigen an die Reihe, und irgendwann sind es dann die, die zu viel arbeiten und deshalb Burn Out bekommen. Auch die kosten Geld. Wo hört diese Entwicklung auf?</strong></p>
<p>Das ist ein hochinteressantes Phänomen. Je komplexer die Gesellschaften sind, desto mehr leiden sie an dieser Urteilskrankheit, wie Canetti es nannte. Das hat den Sinn, die Massen in übersichtliche Einheiten zu ordnen, indem man sie in Gut und schlecht einteilt. In gewisser Weise ist es unvermeidlich, dass man Gruppen von den anderen unterscheidet. Aber in dieser Unterscheidung gibt es Möglichkeiten, die anderen so darzustellen, dass sie einem vernichtenswert erscheinen. Es entstehen immer neue Gruppen, die man verachten kann. In Wahrheit hasst man nur sich selbst und projiziert sich selbst in die anderen, um sich selbst richtig hassen zu können, ohne von den Folgen des Hasses betroffen zu sein. Das halte ich für ebenso unvermeidlich wie das Ressentiment. Das einzige, was man tun kann, ist einen zivilisierten Umgang damit pflegen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Sie zitieren Michel Agier, der besagt, die herrschende Migrationspolitik diene der Festigung einer Aufteilung in zwei große Weltteile: Auf der einen Seite eine saubere sichtbare Welt, auf der anderen die Welt des dunklen, kranken und unsichtbaren Rests.</strong></p>
<p>Das Schrecklich daran ist: Wenn man die Formulierungen prüft, dann kommt tatsächlich wieder das Lager vor. Es besteht die Vorstellung, man müsse Menschen in einer umzäunten Umgebung zusammensammeln und dort halten und ordnen, damit sie nicht die eigene Ordnung, die man angestrengt hat, untergraben.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Ist auch das unvermeidbar?</strong></p>
<p>Nein, das halte ich nicht für unvermeidbar. Das muss man politisch bekämpfen, indem man klarmacht, was die Leute da sagen. Die Unerträglichkeit besteht ja darin, dass nur ganz wenige wissen, dass das die Wiederauferstehung einer Art von Lagermentalität ist, von der man nicht geglaubt hat, dass sie noch einmal in Form eines Sachzwangdenkens revitalisierbar ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Vielen Dank für das Gespräch</strong></p>
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		<title>&#8222;Nicht am Mainstream orientieren!&#8220;</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Feb 2018 12:42:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Deisenberger]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[<p><img width="300" height="200" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/VS_2017_04_KonradPaulLiessmann-22-300x200.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="VS_2017_04_KonradPaulLiessmann" /></p>Der Philosoph Konrad Paul Liessmann gilt als streitbarer Kritiker unseres Bildungssystems. In seinem aktuellen Buch &#8222;Bildung als Provokation&#8220; greift er einmal mehr die so genannten Bildungsexperten an und redet Klartext. Ein Gespräch über kompetenzorientierte Lehrpläne, moralische Sensibilität und eine Gelassenheit, die uns allen guttäte.   Wie bildungsfeindlich ist unser Bildungssystem, dass Bildung als &#8222;provokant&#8220; aufgefasst [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="300" height="200" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/VS_2017_04_KonradPaulLiessmann-22-300x200.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="VS_2017_04_KonradPaulLiessmann" /></p><p><em>Der Philosoph Konrad Paul Liessmann gilt als streitbarer Kritiker unseres Bildungssystems. In seinem aktuellen Buch &#8222;Bildung als Provokation&#8220; greift er einmal mehr die so genannten Bildungsexperten an und redet Klartext. Ein Gespräch über kompetenzorientierte Lehrpläne, moralische Sensibilität</em><em> und eine Gelassenheit, die uns allen guttäte.</em></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Wie bildungsfeindlich ist unser Bildungssystem, dass Bildung als &#8222;provokant&#8220; aufgefasst werden?</strong></p>
<p>Forscher sprechen von bis zu 25% sekundären Analphabeten unter den 15jährigen. Das heißt, unsere Schulsysteme schaffen es nicht, in neun Jahren Schreiben und Lesen beizubringen. Wenn das nicht bildungsfeindlich ist, was dann? Auf der anderen Seite erleben wir in den letzten Jahren eine Neuordnung der Bildungssysteme, die unter dem Stichwort &#8222;Kompetenzorientierung&#8220; vollzogen wurde. Es wurden alle Lehrpläne kompetenzorientiert umgeschrieben &#8211; und das halte ich für extrem bildungsfeindlich, weil es nur noch um das Schulen von formalen Fähigkeiten geht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Neulich wurde ich mit dem Faktum konfrontiert, dass unter 20jährige einen äußerst pragmatischen Zugang zur Musik pflegen. Es gibt kaum noch absichtsloses Hören, das sich selbst genügt. Deckt sich dieser neue Pragmatismus mit Ihren Ergebnissen, was die Bildung anbelangt?</strong></p>
<p>Das könnte man durchaus so formulieren. Musik war immer in hohem Maße an unmittelbaren Bedürfnissen und sozialen Praktiken orientiert. Aber in der europäischen Kultur hat sich eine bestimmte Form der Musik und auch des Komponierens und Hörens herausgebildet, die sich von religiösen Kontexten und weltlichen Veranstaltungen emanzipiert hat. Das Wesen und der Wert der Musik liegt nur in ihr selbst. Zu einer Idee von Bildung gehört es nun, sich genau mit diesen großen Errungenschaften europäischer Kultur auseinanderzusetzen. Und das verlieren wir allmählich. Heute wird alles, was nicht zur Lösung oder Erhellung eines unmittelbaren Lebensproblems dienlich erscheint, aus der Bildung eliminiert. Das halte ich für abstrus, denn alle Fortschritte unserer Kultur, unserer Zivilisation, auch unserer Technik beruhen darauf, dass Menschen nicht immer nur bedarfsorientiert gedacht und gehandelt haben, sondern Phantasie hatten und eigenwillig an Dingen festhielten, von denen viele sagten, sie hätten keinen Sinn. Ohne diese Formen von Eigenwilligkeit und Eigenständigkeit hätten wir eine Gesellschaft, der all das abgeht, was wir für eine Errungenschaft und wichtig halten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>In Ihrem Buch kritisieren Sie eine Vermittlung von Wissen, die sich nicht mehr an der Sache, sondern an der Entwicklung des einzelnen im Rahmen seiner Möglichkeiten orientiert. Wenn ich mich nicht am einzelnen orientieren soll, aber auch nicht am Bedarf, woran soll ich mich dann orientieren?</strong></p>
<p>Wir haben das Problem, dass wir von der Bildung immer alles erwarten. Sie soll auf der einen Seite dem einzelnen die Möglichkeit bieten, sich zu entfalten. Leistungen werden dann nicht an bestimmten Standards gemessen werden, sondern nur so weit der einzelne sich angestrengt hat. Damit verlieren Leistungsnachweise ihre Bedeutung, weil eine Note nur noch Auskunft darüber gibt, wie sehr ein Individuum imstande war sich anzustrengen. Andererseits wird Bildung knallhart als eine Möglichkeit gesehen, den einzelnen mit Qualifikationen auszustatten, die ihm einen Job verschaffen, eine Karriere und ein gutes Einkommen sichern sollen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Wo liegt Ihre persönliche Präferenz?</strong></p>
<p>Bildung hatte immer beide Aspekte in sich vereint. Aber man muss den Mut haben, bestimmte Inhalte und Mindeststandards zu definieren, von denen man glaubt, dass sie ein Mensch, der einen Bildungsanspruch hat, wissen sollte. Bildung soll sich nicht nur an außen gesteuerten Zwecken, d.h. dem, was Universitäten und Arbeitsmärkte wollen orientieren. Bildung ist immer ein wesentliches Element in der Bildung eines Charakters, einer Haltung und der Bildung des Menschen als politisches Subjekt, als Mitglied einer Gesellschaft gewesen. Und Bildung hat natürlich auch mit der Bildung von moralischer Sensibilität zu tun.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Das akademische Gymnasium feiert heuer 400-jähriges Jubiläum. Macht es überhaupt noch Sinn, seinen Kindern humanistische Werte zu vermitteln oder ist man mit solchen Idealen in einer Welt der Trumps und Erdogans auf verlorenem Posten?</strong></p>
<p>Bis zu einem gewissen Grad waren bestimmte Ziele humanistischer Erziehung immer Minderheitenprogramme und in gewisser Art und Weise immer unzeitgemäß. Darüber muss man sich im Klaren sein. Zum Wesen einer anspruchsvollen Bildung gehört es meiner Meinung nach aber, sich nicht am Mainstream zu orientieren und nicht dem kulturindustriell erzeugten Massengeschmack zu folgen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Wenn man sich den letzten Wahlkampf ansieht, war Asyl das alles bestimmende Thema. Über Bildung wurde wenig bis gar nicht gesprochen. Warum?</strong></p>
<p>Das hat gute Gründe. Auf der einen Seite ist Bildung etwas, was nicht mehr definiert wird. Andererseits werden sie keinen Politiker treffen, der sich nicht zur Bildung bekennt. Ganz im Gegenteil: Jeder meint, da gehe es um die Zukunft unserer Kinder, um die Zukunft der Gesellschaft und Investitionen in den Bildungsbereich seien die wichtigsten überhaupt. Aber, weil eben Bildung eine Leerformel ist, die für alles und nichts eingesetzt werden kann, wird sie, wenn es konkret wird, einfach vernachlässigt. Sie spielt in Wahlkämpfen, Koalitionsverhandlungen und der Vergabe von Ministerien eine Nullrolle. Das, was interessant wäre, wären inhaltliche Fragen. Darüber zu diskutieren, was tatsächlich gelehrt werden soll. Was soll vermittelt werden? Was sind die Grundkenntnisse, die junge Menschen benötigen, um sich zurechtzufinden. Da aber zucken wir zurück.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Gehen wir zur Lohnarbeit und ihrer allmählichen Ablösung: Mittelfristig werden nicht nur Busfahrer und Kassierer, sondern auch Journalisten wie ich um ihre Jobs bangen müssen, schreiben Sie. Wie bereitet man die Kinder darauf vor?</strong></p>
<p>Wenn viele spezialisierte Berufe wegfallen, weil sie automatisierbar sind, kann die Botschaft nur sein: Spezialisiert euch so spät wie möglich. Wie sinnvoll kann es sein, einen fünfzehn- oder sechzehnjährigen auf eine bestimmte Art von Digitaltechnologie auszubilden, wenn sie in fünf Jahren überholt sein wird. Je mehr an allgemeinem Orientierungs- und Grundlagenwissen vorhanden ist, das nicht so schnell veraltet, desto besser. Die Grundgesetze der Mathematik werden auch in hundert Jahren noch gelten. Die Grundgesetze der Digitalisierung, egal wie sie technisch realisiert wird, ebenso. Niemand, der heute die Gerechtigkeitskonzeptionen von Aristoteles studiert, wird damit in zehn Jahren veraltet sein. Und Eifersuchtskonflikte gibt es auch im Zeitalter von Tinder. Den Werther zu lesen kann also auch nie schaden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Demgegenüber schreiben Sie: &#8222;Eine Schule, die deren Möglichkeit bestreitet und rigide blockiert, indem sie jedes Stück Literatur, das in ihr noch vorkomme, auf seine Kompetenzstrategische Verwertbarkeit befragt, ist barbarisch.&#8220; Ist das der Status Quo?</strong></p>
<p>Das ist das, wo die Bildungsplaner hinwollen. Dass es noch nicht realisiert ist, liegt einzig und allein daran, dass wir noch genug Lehrer haben, die imstande sind, ihre Schüler für Literatur zu begeistern. Aber sie müssten es aufgrund des Lehrplanes gar nicht mehr tun. Es genügt, wenn sie die Kronenzeitung lesen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Christian Ortner hat ein Buch mit dem Titel &#8222;Prolokratie&#8220; geschrieben. Es gäbe zu viele Jennifers und Kevins auf dieser Welt, daher wäre die Demokratie als solche nicht mehr zielführend, eine Expertenregierung weit sinnvoller. Man möchte ihm entgegenschreien, dass wir doch versuchen müssten, die Jennifers und Kevins in die Lage versetzen eine wirklich reflektierte Entscheidung zu treffen. Jetzt sagen Sie, auch Bildung sei kein Allheilmittel. Wie kommt man aus dem Dilemma?</strong></p>
<p>Indem man sich auf die Grundprinzipien der Demokratie besinnt, die besagen, dass ein Bürger deshalb Bürger ist und mitbestimmen soll, weil er Teilhaber der Gesellschaft ist, und nicht weil er einen bestimmten Intelligenzquotienten aufweist oder ein bestimmtes Bildungssystem durchlaufen hat. Er darf partizipieren, weil er in dieser Gesellschaft lebt und sich zu dieser Gesellschaft bekennt. Dass das Wahlverhalten mitunter eines ist, dass man selbst missbilligt, gehört zum Wesen einer Demokratie.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>&#8222;Bildung hat auch mit dem Einüben einer Gelassenheit zu tun&#8220;, sagen Sie. Müssen wir alle gelassener werden?</strong></p>
<p>Wenn ich an die hyperventilierenden Extasen unserer Medienlandschaft denke, würde ein bisschen mehr Gelassenheit uns allen nicht schaden. Gerade weil modern soziale Medien die Tendenz haben, sofort hysterisch zu werden, wäre die Einübung von Gelassenheit umso wichtiger.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Die heute landläufige Meinung geht dahin, dass es nicht mehr zeitgemäß sei, Texte wie die Aeneis zu lesen. Was würden Sie einem Experten, der diese Meinung vertritt, entgegenhalten?</strong></p>
<p>Das Problem, das uns die letzten Jahre beschäftigt hat und für die Wahlergebnisse in Deutschland und auch bei uns verantwortlich ist, war die Migration, das Thema der Flüchtlinge, die aus Nordafrika über Italien nach Europa gekommen sind. Das ist genau die  Route, die auch Aeneas genommen hat. Die Aeneis ist ein Epos, das Europa als den Kontinent der Immigranten beschreibt. Schon die alten Römer wussten also, dass es das Märchen einer autochthonen Gesellschaft nicht gibt, sondern dass sie woanders herkamen. Und man muss die Aeneis ja auch nicht als Ganzes und im Original lesen, es genügen Auszüge, und es gibt gute Übersetzungen.</p>
<p><strong>Herr Prof. Liessmann, vielen Dank für das Gespräch.</strong></p>
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		<title>Immer auch ein wenig fremd</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Apr 2015 09:58:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[<p><img width="229" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Honigmann-229x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Honigmann" /></p>„Charlotte Salomon“, die auf dem Tagebuch in Bildern „Leben? oder Theater?“ der Malerin basierende Oper von Marc-André Dalbavie erzählt vom Aufbäumen gegen die Vernichtung. Das Libretto dazu schrieb die deutsch-jüdische Autorin Barbara Honigmann. Ein Gespräch über einzigartige Kunst, jüdische Realität und Liebe, die nicht zu bewältigen ist. Können Sie sich noch an den ersten Kontakt [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="229" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Honigmann-229x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Honigmann" /></p><p><em>„Charlotte Salomon“, die auf dem Tagebuch in Bildern „Leben? oder Theater?“ der Malerin basierende Oper von Marc-André Dalbavie erzählt vom Aufbäumen gegen die Vernichtung. Das Libretto dazu schrieb die deutsch-jüdische Autorin Barbara Honigmann. Ein Gespräch über einzigartige Kunst,  jüdische Realität und Liebe, die nicht zu bewältigen ist.</em></p>
<p><strong>Können Sie sich noch an den ersten Kontakt mit Charlotte Salomons Werken erinnern?</strong><br />
Das ist sehr lange her, wahrscheinlich war es in den frühen 1980ern. Da lebte ich noch im Berliner Osten. Ich habe aber das Gefühl, dass ich ihr Werk von Anfang an, also sofort, nachdem es an die Öffentlichkeit drang, auch wahrgenommen habe. Ich habe es auch immer wieder und überall gesehen, auf allen möglichen Ausstellungen. Sogar in Frankreich gab es einmal in einer kleinen Stadt, in Saverne, eine Ausstellung, zu der ich alle Freunde und Bekannten hinscheuchte. Hier in Straßbourg, in Frankreich überhaupt  ist sie ja vollkommen unbekannt, sogar in den sogenannten gebildeten Kreisen. Auch der Komponist Marc André hatte zuvor noch nie etwas von ihr gehört, sagte er mir. Niemand also kennt Charlotte Salomon, obwohl es Anfang der 1990er im Pariser Centre Pompidou einmal eine große Ausstellung gab. Sie ist in Frankreich einfach nie richtig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen.</p>
<p><strong>Hat Sie Leben und Werk Charlotte Salomons, als sie damals erstmals damit konfrontiert wurden, gepackt und betroffen gemacht?</strong><br />
Ehrlich gesagt ist das nur eine von vielen tragischen Geschichten. Das Tagebuch der Anne Frank und viele andere solche Dokumente hatte ich ja damals schon gelesen und so meine Schockerlebnisse gehabt. Natürlich kann man sich auch bei Salomon der Tragik ihrer Geschichte nicht entziehen, aber das Einzigartige bei ihr ist einfach dieses Werk, weil es so ungewöhnlich ist und keiner anderen Sache ähnelt. Dieses Werk steht doch sehr im Vordergrund, vor der tragischen Geschichte. Das Unglück ist doch, dass es viel zu lange nur im jüdischen Kontext immer nur  als ein weiteres Zeugnis eines Holocaustschicksals gezeigt wurde und nicht als das, was es ist: Ein alle Genres sprengendes Kunstwerk zwischen Literatur, Malerei und Musik. Das Werk Charlotte Salomons hat eine ganz eigene Dimension. Durch die Verweise auf die Musik gibt sie dem Werk eine sehr dramatische Form. Das gab es vorher nicht.</p>
<p><strong>Würden Sie die Entstehung des Werkes als ungewöhnlich bezeichnen?</strong><br />
Ja, aber das würde ich nicht überbewerten. Ungewöhnliche Entstehungsgeschichten von wichtigen Werken gab und gibt es immer wieder. Rosenzweig etwa hat den „Stern der Erlösung“ im Schützengraben des I. Weltkriegs geschrieben. Auch bei Charlotte Salomon war das einfach der Moment, in dem es gemacht werden musste, und es war tragisch, dass sie dann deportiert wurde und dieses einmalige Werk nie eine Fortsetzung fand. Sie war ja noch so jung. Wer weiß, was sie noch hätte schaffen können&#8230;</p>
<p><strong>Die Symbolkraft dieses Werkes ist aber doch eine sehr maßgebliche, zeigt es doch, dass die Macht des Bösen nicht alles zerstören konnte. </strong><br />
Ja, natürlich. So kann man das sehen. Aber man kann es auch so sehen, dass es doch ziemlich lange gedauert hat, bis man das Werk überhaupt wieder wahrnahm. Derzeit werden auch wieder vermehrt Werke von Komponisten aus den Lagern aufgeführt. Auch da hat es sehr lange gedauert, bis diese Werke auch als Kunst anerkannt wurden. Also: Ja, das Werk lebt, aber wie gesagt ist es hier in Frankreich sehr unbekannt. Und es gibt ja nur antiquarische deutsche Ausgaben zu kaufen. </p>
<p><strong>Ist das nicht ein Skandal – dass man sich ein so bedeutendes Werk nur über antiquarische Kanäle besorgen kann?</strong><br />
Das ist ein Skandal. Genau das meine ich damit, wenn ich sage, es hat alles sehr lange gedauert. Im Grunde ist das Werk aus dem jüdischen Kontext nicht herausgekommen, bis 1999 in London die große Ausstellung in der Royal Academy of Art stattfand. Man kann nur hoffen, dass sich das jetzt langsam ändert. </p>
<p><strong>Würden Sie sagen, dass Salomons Werk ein wichtiges Puzzlestück auf der Suche nach der jüdischen Identität vor dem  zweiten Weltkrieg ist?</strong><br />
Ja sicher. Es ist auf jeden Fall ein wichtiges Zeugnis. Charlotte Salomon verkörpert all das, was man sich unter dem Berliner deutsch-jüdischen Großbürgertum vorstellt. Ihr Werk ist unter anderem auch ein Porträt dieser deutsch-jüdischen Kultur und der Elite, die nicht mehr da ist und nie mehr da sein wird. Man darf aber auch nicht vergessen, dass sie diese Welt mit sehr viel Ironie porträtiert. Es ist ein sehr ironisches und selbstironisches Werk. </p>
<p><strong>Johanna Wokalek, die Charlotte Salomon in der Salzburger Inszenierung auf Deutsch sprechen wird, hat mir gegenüber gemeint, es sei bemerkenswert, dass Salomon in ihrer Kunst versucht habe, einen möglichst objektiven Standpunkt einzunehmen. Sehen Sie das auch so?</strong><br />
Eigentlich nicht. Von objektiv kann keine Rede sein. Kein Künstler ist objektiv. Dinge in Kunst zu übersetzten heißt, sie in etwas zu verwandeln, was sehr subjektiv ist und es auch sein soll. </p>
<blockquote><p><strong>„Das Theater ist immer eine große Liebe von mir gewesen, aber als Leben konnte ich es nicht bewältigen.“ </strong>
</p></blockquote>
<p><strong>Haben Sie sich in Ihrarer Fassung eigentlich stark an den Originaltext gehalten?</strong><br />
Ja absolut. Luc (Bondy, Anm.) , Marc (-André Dalbavie, Anm.) und ich waren uns darüber sofort einig. Sie hat ja diese unendlich vielen Blätter gezeichnet, gemalt, geschrieben. Da jetzt irgendetwas erfinden zu wollen, wäre sinnlos. Meine Arbeit war – ohne falsche Bescheidenheit – eine vorwiegend dramaturgische. Mein Libretto ist eine Collage aus 90% ihrer eigenen Texten und meiner Montage, damit man der Geschichte gut folgen kann. Bestimmte Sachen habe ich beiseite gelassen. Und man muss auch komprimieren, weil es einfach so viele Seiten sind. Aber es wurde nichts dazu erfunden worden.</p>
<p><strong>Sie selbst gehören zum Autorenkreis der zweiten Generation deutsch-jüdischer Familien, die den Holocaust überlebt haben. Empfanden Sie den Anspruch, mit dieser Oper ein Andenken zu schaffen und die große Verantwortung gegenüber dem Thema eher als Triebfeder oder als Hemmschuh?</strong><br />
Ich erlebe das eher als eine Motivation, keinesfalls als Hemmung. Wenn das jetzt Kafka oder ein anderes riesiges Monument wäre, wäre das vielleicht anders. Aber hier geht es ja darum, das ganze in seinem Wert zu steigern, indem man es ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt. Das motiviert mich sehr.</p>
<p><strong>In einem anderen Ihrer Bücher, „Ein Kapitel aus meinem Leben“, haben Sie versucht, sich der Geschichte ihrer Mutter zu nähern. War das heikler?</strong><br />
Ja. Das ist eine ganz andere Geschichte. Das ist mein Buch. Das ist meine Mutter. Und deshalb habe ich mich auch verantwortlich gefühlt. Bei Charlotte Salomon bin ich persönlich nicht involviert. Durch meine deutschjüdische Herkunft identifiziere ich mich zwar ein bisschen mehr damit. Trotzdem konnte ich viel freier an die Sache rangehen als bei der Lebensgeschichte meiner Mutter, was aber nicht heißt, dass ich es auf die leichte Schulter genommen habe. </p>
<p><strong>Würde Sie es als Wagnis bezeichnen, Charlotte Salomons Werk in eine Oper zu verwandeln?</strong><br />
Ich war schon überrascht. Aber andererseits: Warum eigentlich nicht? Ich meine, wenn man Elektra zu einem Opernstoff machen kann, dann kann man das auch mit diesem tragischen Stoff. Tragische Stoffe haben sich ja bewährt für die Oper. Aber ja, ich war schon erstaunt.</p>
<p><strong>Mit all Ihrer Lebenserfahrung, Ihrer Lebensgeschichte und der Auseinandersetzung mit anderen jüdischen Schicksalen – ob es nun die eigene Mutter oder Charlotte Salomon war – können Deutschland oder Österreich jemals wirklich Heimat für Juden werden?</strong><br />
Schwierig. Ich bin weggegangen. </p>
<p><strong>Warum?</strong><br />
Weil mein Mann und ich uns dem Jüdischen mehr öffnen und es auch praktizieren wollten. Das ist in Deutschland nicht so richtig möglich. Jude zu sein schon, aber ein jüdisches religiöses Leben zu führen, eher nicht. Strasbourg hat eine große jüdische Gemeinde. Hier kann man ein praktizierendes Judentum leben, ohne für verrückt zu erklärt werden. Ich komme hier also auf meine Kosten, kann mich mit Gleichgesinnten austauschen, die auch Fragen haben und Antworten suchen. Meine Sprache ist trotzdem Deutsch, meine Bücher erscheinen in Deutschland, und ich bin auch oft dort. Leider bin ich weniger oft ihn Wien, obwohl ich eine besondere Beziehung zu Wien habe. Meine Mutter sprach ja Wienerisch. Ich bin mit diesem wunderbaren Dialekt aufgewachsen.</p>
<p><strong>Haben Sie das Schreiben jemals als Versuch empfunden, die eigene Fremdheit zu überwinden?</strong><br />
Ich bin 1949 geboren und in Berlin als jüdisches Kind jüdischer Eltern aufgewachsen. Ich hatte viele Freunde, deren Väter in der Wehrmacht waren. Das konnte man auf diversen,  Familienfotos, die in den Wohnungen herumhingen, nachvollziehen. Allerdings habe ich das nie als tragisch wahrgenommen. Andererseits war ich immer die „Kleine Schwarze“. Und meine Eltern waren älter als die der anderen, kamen aus England zurück und sprachen mehrere Sprachen. Dass ich wo anders herkomme, war allgegenwärtig. Obwohl ich also immer sozial gut eingebunden war, war ich immer auch wein wenig fremd. Vielleicht hat das zum Schreiben geführt, ja.</p>
<p><strong>Sie sind Schrifstellerin. Dennoch pflegen Sie eine innige Beziehung zum Theater. Wie kamm es dazu?</strong><br />
Ich habe Theaterwissenschaften studiert. Und mein Vater war in zweiter Ehe mit Gisela May verheiratet. Meine Kindheit verlief daher parallel zum Anfang von Giselas Karriere. So bin ich in dieser Theaterwelt aufgewachsen. Da ich sehr sozial bin, gerne rede und am Theater immer so viele Leute waren, hatte ich das Gefühl dass ich mich dort verlieren könnte. Mein Mann meinte immer, es geschieht mir schon recht, daß ich so ein einsames Schriftstellerleben jetzt führe.<br />
Heute muss ich sagen: Ich bewundere die Leute, die in diesem Trubel nicht untergehen. Das Theater ist immer eine große Liebe von mir gewesen, aber als Leben konnte ich es nicht bewältigen. Umso schöner ist es jetzt für mich, dass ich durch die Oper wieder ein bisschen damit in Berührung komme.</p>
<p><strong>Sind Sie denn selbst Opernliebhaberin?</strong><br />
(lacht) Ja, aber es ist irgendwie eine unglückliche Liebe, weil ich die Oper liebe, aber die Oper mich nicht wirklich.</p>
<p><strong>Wie darf man das verstehen?</strong><br />
(überlegt) So eine richtig feste Beziehung ist es nie geworden. Ich bin keine Kennerin, sondern eher Amateurin. </p>
<p><strong>Vielen Dank für das Gespräch.</strong></p>
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		<title>Die Kunst zu überleben</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Feb 2015 09:51:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[<p><img width="300" height="218" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Bildschirmfoto-2015-02-08-um-10.49.57-300x218.png" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Bildschirmfoto 2015-02-08 um 10.49.57" /></p>Marko Feingold hat das Unfassbare erlebt und über das Unbeschreibliche ein Buch geschrieben. Feigold war nicht nur der erste Österreicher in Auschwitz – zu einer Zeit, als es noch keine Gaskammern gab, sondern man die Häftlinge, wenn sie zu schwach zum Arbeiten waren, mit bloßen Händen erschlug – er war auch Häftling in Neuengamme, Dachau [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="300" height="218" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Bildschirmfoto-2015-02-08-um-10.49.57-300x218.png" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Bildschirmfoto 2015-02-08 um 10.49.57" /></p><p><em>Marko Feingold hat das Unfassbare erlebt und über das Unbeschreibliche ein Buch geschrieben. Feigold war nicht nur der erste Österreicher in Auschwitz – zu einer Zeit, als es noch keine Gaskammern gab, sondern man die Häftlinge, wenn sie zu schwach zum Arbeiten waren, mit bloßen Händen erschlug – er war auch Häftling in Neuengamme, Dachau und Buchenwald. Seine Autobiographie, die soeben in ihrer zweiten Auflage erschien, erzählt, was er dort an unmenschlicher Grausamkeit über sich ergehen lassen musste, wie man solch eine Tortur überleben kann und vor allem: wie man danach weiter lebt.<br />
</em></p>
<p>Das im nüchternen Interviewstil gehaltene Buch ist vielleicht kein literarisches Großereignis, ein menschliches Großereignis ist es allemal. Denn obwohl die ganze Menschlichkeit, wie Feingold schreibt, im KZ-Alltag verloren ging, hat sich Marko Feingold seine bewahrt. Und seinen Humor. Trotz all der Tragik nämlich weist Feingolds Autobiographie auch zahlreiche wirklich komische Episoden auf – etwa die, als er um ein Haar in der polnischen Armee gelandet wäre; oder lakonische Betrachtungen, die die ganze Absurdität der NS-Logik offenlegen – etwa wenn er sich fragt, wieso die Juden eigentlich, obwohl sie doch angeblich so leicht an ihrer Physiognomie erkennbar waren, eine Stern tragen mussten.<br />
Den Buchtitel „Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh“ erklärt der Schoah-Überlebende so: Als Maurerlehrling wurde er 1943 in Buchenwald von einem Vorarbeiter gemeinsam mit einem anderen Häftling zu einem Holzhaus geschickt, wo die beiden, so hieß es,  einen Betonboden verlegen sollten. Dort mit Mörtel und Zement angekommen, traute Feingold seinen Augen nicht. In der Hütte stapelten sich die Leichen meterhoch. „Warum glotzt ihr so?“ wurden sie, als sie ungläubig dort standen, angebrüllt. „Nehmt die Leichen und schlichtet sie in die Ecke. Denen tut nichts mehr weh!“ Was damals so neu, so unglaublich war, sollte bald Alltag werden: Als „harmloser Häftling“, erzählt Feingold, habe er wohl mehr Leichen gesehen als ein Leichenträger am Friedhof sein ganzes Leben lang.<br />
Der Titel des Buches aber lässt sich freilich auch anders verstehen, als  Lebensmotto nämlich, denn auch Feingold selbst, so scheint es, ist im Zuge seiner Zeit im KZ mehrfach gestorben und wurde mehrfach wiedergeboren: Eine dieser Wiedergeburten, schildert er eindrücklich, passierte auf der Überstellung von Neuengamme nach Dachau. Auf unter 30 Kilogramm abgemagert und eigentlich schon todgeweiht, sei er in Dachau ausgestiegen, habe die Alpenluft durchgeatmet und sei plötzlich wie durch ein Wunder wieder gesund gewesen.</p>
<p>Auch heute erfreut sich Marco Feingold trotz seiner 99 Lebensjahre noch immer bester Gesundheit. Nach der Befreiung durch die Alliierten hat es ihn nach Salzburg verschlagen, wo er sich eine neue Existenz aufbaute. Zuerst als Leiter einer Verpflegungsstelle für politisch Verfolgte, dann als Betreiber eines Modegeschäftes und heute, in seiner Pension, als Präsident der israelitischen Kultusgemeinde. Und obwohl jede Frage und jede Antwort schmerzvolle Erinnerungen in ihm wachrufen, ist sein Engagement gegen das Vergessen ungebrochen.</p>
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		<title>„Nicht alles darf ich gut finden“</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Feb 2015 10:55:28 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[<p><img width="195" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/L1011340-195x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Karl-Markus Gauß in Salzburg, 2013" /></p>„Jede Generation bekommt auch die Kinder, die sie verdient“
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				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="195" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/L1011340-195x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Karl-Markus Gauß in Salzburg, 2013" /></p><p><em>Karl Markus Gauß empört sich. Und er tut es zu unser aller Vorteil. In seinen Büchern, Essays und Reportagen, forscht der Salzburger unbeirrbar nach den Wurzeln, die wir vergessen haben, und den Rändern, die wir gerne ausblenden. Ein Gespräch über familiäre Phantomschmerzen, armutsfreie Zonen und die Ratlosigkeit, die einen befällt, wenn einem der blanke Hass entgegenschlägt.</em></p>
<p><strong>Thomas Glavinic hat einmal über Sie gesagt, es könne schon auch vorkommen, dass Sie, wenn Sie von einer Reise zurückkommen, 500 E-Mails ungelesen löschen, weil Ihnen die Welt den Buckel runterrutschen kann. Fakt oder Fiktion?</strong><br />
Eine gute Vermischung von beidem: Ich bin bemüht, die vielen E-Mails, die ich bekomme, auch zu beantworten, die altmodischen Briefe sowieso. Das ist ein nicht so sehr ein Akt der Höflichkeit, als der zivilisatorischen Gesittung. Andrerseits ächze ich unter dieser selbst auferlegten Pflicht manchmal so sehr, dass mir nur mehr die radikale digitale Notwehr hilft.</p>
<p><strong>In Ihren Büchern haben Sie sich mit den Wurzeln und Rändern Europas beschäftigt. Warum, denken Sie, werden diese beiden Bereiche gesellschaftlich so gerne und erfolgreich ausgeblendet?</strong><br />
Sich mit den Wurzeln, also der widersprüchlichen Herkunft der eigenen Kultur, Nation, Persönlichkeit zu beschäftigen, ist ziemlich anstrengend; und führt auch nicht immer zu einem echten geistigen oder moralischen Ertrag. Ich kann es niemanden verdenken, dass er sich das ersparen will. Ich sehe mich als Autor hier sogar ein bisschen als Stellvertreter: Ich mache mir diese Mühe gerne, sie hat meinem Leben Sinn, meinem Forschen Tiefe, meiner Arbeit Freude beschert &#8211; und jetzt möge sich jeder an dem, was ich herausgefunden und geschrieben habe, bedienen. Die Ränder aber, mit denen ist es nun einmal so, dass sich bei ihnen die andere, die verborgene, vertuschte Wahrheit eines Kontinents, einer Gesellschaft, einer Epoche manifestiert, und diese Wahrheit stört. Ich war z.B. im Sommer auf einer langen Reise durch die bulgarischen Provinz, wo die Leute so herzergreifend arm sind, dass man es kaum fassen mag. In ganzen Regionen gibt es kaum einen Arzt mehr, weil an die 8.000 bulgarische Ärzte in den letzten Jahren von Krankenhäusern und Krankenkassen in England, Holland, Deutschland gewissermaßen herausgekauft wurden. Und Europa spricht nicht von diesem Skandal, sondern davon, dass die Armutsemigration aus dem Osten unerträglich geworden sei.</p>
<p><strong>Hat Ihr Interesse für vergessene Schätze aus dem südosteuropäischen Raum auch ein wenig mit Ihrer eigenen Herkunft zu tun? Ihre Familie stammt aus der Vojvodina und wurde Ende des zweiten Weltkrieges von dort vertrieben. Ist das Reisen, Forschen und darüber Schreiben der innere Zwang, sich die Welt zu erklären und so gegen die eigene Entfremdung anzukämpfen?</strong><br />
Da haben Sie recht. Es war sicher auch ein familiär tradierter Phantomschmerz, der mich anfangs über die Grenzen meines Landes hinausschauen ließ. Was ich dann reisend in der Realität, aber auch in Archiven und Büchern entdeckte, das hat mich allerdings nicht traurig gestimmt, sondern begeistert, so vieles fand ich, von dem ich vorher nichts wusste und von dem ich sogleich andere Menschen unterrichten wollte.</p>
<p><strong>In Ihrem, soeben wieder aufgelegten Buch „Tinte ist bitter“ haben Sie ermordete, exilierte und totgeschwiegene Autoren aus Mähren, Galizien, Ungarn, Slowenien, Kroatien, Triest und Bukarest portraitiert. War dieses Eintauchen in allesamt tragische Schicksale nicht ein ungemein schmerzhafter Prozess?</strong><br />
Wenn ich heute dieses Buch lese, das ich vor über 25 Jahren geschrieben habe, begegnet mir ein junger Mann, der mir fremd und vertraut zugleich ist. Was ihn ausgezeichnet hat: dass er auf alles, was er von der Welt hörte, ungemein kämpferisch reagiert hat mit dem Pathos der Begeisterung und dem gerechten Zorn der Empörung. Das viele, was zwischen dem Rühmenswerten und dem Verdammungswürdigen liegt, hat ihn nicht besonders interessiert. Ich habe damals für mich Autoren entdeckt, die vergessen waren und die ich für großartig hielt. Also habe ich mich auf ihre Spuren gesetzt und mich dann gleichsam ins Gefecht geworfen, um sie möglichst vielen anderen bekannt zu machen.</p>
<p><strong>Das Buch ist – so wie der Fall des eisernen Vorhanges auch – 25 Jahre alt. Was ist geblieben von der Aufbruchstimmung? Was wurde aus der Hoffnung?</strong><br />
Zunächst: Es ist gut, dass die inakzeptable Teilung Europas, an die wir uns alle gewöhnt hatten, aufgehoben wurde. Es ist gut, dass sich die Europäische Union gebildet hat. Aber nicht alles, was seither geschehen ist, kann ich, darf ich gut finden. Was vor allem verloren gegangen ist, das ist gerade diese Aufbruchsstimmung. Die Überzeugung, dass es nun die Menschen selber sein werden, die ihre Geschichte bestimmen, im ehemaligen Osten wie im Westen. Was wir dauernd erfahren, ist hingegen das Gegenteil: dass es anonyme Märkte, ungreifbare ökonomische Mechanismen, scheinbar unbeeinflussbare Notwendigkeiten, vermeintliche Sachzwänge sind, die unsere Geschichte bestimmen. Und dass das, was wir wollen, dabei überhaupt keine Rolle spielt.</p>
<p><strong>Waren Sie auch manchmal wütend, wenn Sie auf Unverständnis über ihr Interesse für die Roma oder andere Vergessene stießen?</strong><br />
Ich war oft wütend, aber noch öfter richtiggehend ratlos. Ich kann es ja noch verstehen, dass jemand von seinem Wohlstand nichts hergeben mag. Aber dass er gegen jene, denen es schlechter geht als ihm, blanken Hass zu empfinden beginnt, das ist mir rätselhaft. Und doch ist es so: Seit der Finanzkrise werden ausgerechnet die Ärmsten als jene geächtet, die unseren Status vorgeblich bedrohen, selbst ihren bloßen Anblick wollen viele sich ersparen, indem sie die Bettler am liebsten außer Landes verfrachten würden und unsere schmucken Innenstädte zu armutsfreien Zonen erklärten.</p>
<p><strong>Es mehren sich die apodiktischen Sager der politischen Kommentatoren – auch vor dem Hintergrund der Bedrohung durch den IS – mit Europa gehe es dem Ende zu. Sehen Sie das auch so? Und wenn ja, womit geht es zu Ende?</strong><br />
Ich habe weiß Gott an Europa vieles kritisiert, und europäische Selbstkritik steht uns gut an. Aber ich möchte auch nicht in die pauschale europäische Schelte und Selbstzerknirschung einstimmen. Ich glaube, dass es, im Weltmaßstab gesehen, nicht nur ein großes Glück ist, in Europa geboren zu sein, sondern dass Europa der Welt auch immer noch einiges zu vermitteln hat. Nicht in dem Sinne, dass die Welt am europäischen Wesen genesen müsse, aber dass es doch Errungenschaften gibt, die man für spezifisch europäische hält und die man sich von Kritikern auf dem eigenen Kontinent und von anderen Kontinenten nicht ausreden lassen darf: das ist zum Beispiel der Sozialstaat, die Trennung von Staat und Religion, eine gewisse Solidarität innerhalb von Gesellschaften, die nicht auf den Zerfall setzen, das ist die Aufklärung. Das alles sind natürlich Errungenschaften, die bei uns selbst niemals ein für allemal gesichert sind, die immer bedroht bleiben; aber es sich doch Werte, von denen es der Welt nicht schlecht täte, wenn sie nicht als spezifisch europäische, sondern als universale Werte gälten.</p>
<p><strong>Wohltemperiert zürnen. Dafür seien sie bekannt, hat Max Bläulich über sie gesagt. Was regt sie derzeit am meisten auf? Was erzürnt Sie?</strong><br />
Das ist, fürchte ich, eine hinterfotzige Formulierung des trefflichen Blaeulich. Denn das Wohltemperierte deutet doch an, dass es mit dem Zürnen nicht so ganz ernst ist. Allerdings: Wenn man nicht als Privatmensch seiner Empörung Luft machen, sondern als Autor aufrütteln will, muss die Sache natürlich auch ihre stilistische Qualität und spezifisch literarische Schärfe haben. Sonst bliebe es bloße Bekundung von Unmut. Was mich derzeit aufregt? Da fange ich jetzt lieber nicht an aufzuzählen, sonst bleibt das schöne Interview bei diesem Thema hängen.</p>
<p><strong>In „Ruhm am Nachmittag“ bezeichnen Sie Raver als „die hübschen, hüpfenden Kinder mit den erloschenen Augen“. Und Sie sprechen vom „Trotz ohne Aufbegehren“. Sind Ihnen die Jugendlichen von heute zu angepasst, zu wenig widerständig?</strong><br />
Ja, definitiv. Aber die Jugendlichen von heute sind natürlich von uns &#8211; wenn jetzt auch nicht von mir persönlich -, aber von uns, meiner Generation zu dem geformt worden, was sie heute sind. Jede Generation bekommt auch die Kinder, die sie verdient, und dass die alten 68er, die dann ja doch ihren Frieden mit der Welt gemacht haben, sich heute über ihre allzu braven Kinder echauffieren, hat auch was abgründig Ironisches.</p>
<p><strong>Gehen wir nach Ungarn: Jahre lang wird dort systematisch ein Freiheitsrecht nach dem anderen beschnitten. Nichts geschieht. Kaum wird das Internet besteuert, gehen die jungen Leute auf die Straße. Soll und das zuversichtlich stimmen oder Angst machen?</strong><br />
Das ist eine interessante Beobachtung. Kein Unrecht, keine Beschränkung bürgerlicher Freiheiten, keine Hetze gegen Minderheiten hat die Ungarn auf die Straße gebracht, die Aussicht, dass Ihnen die Nutzung des Internet etwas mehr kosten wird, aber schon. Das zeigt, dass sich die jüngeren Europäer nicht mehr so sehr als Mitglieder der altrealen Gesellschaft, sondern von digitalen Communities verstehen und sie einen Angriff auf ihren virtuellen Lebensraum als Attacke auf ihre ganz persönliche Lebenssphäre empfinden. Das ist, um Ihre Frage aufzugreifen, beides: es verheißt Hoffnung und ist zugleich erschreckend. Hoffnung, weil Revolte offenbar noch möglich ist und auch die Jungen aus ihrer Lethargie zu reißen sind; erschreckend, weil die virtuelle Welt zur einzig wahren und wichtigen für sie geworden ist.</p>
<p><strong>Der Meldezettel und ein paar Freunde&#8230; Mit der Stadt, in der Sie wohnen, nichts gemein zu haben, haben Sie einmal als unbeschwertes Gefühl bezeichnet. Verhält es sich noch immer so? Und wenn ja, brauchen Sie diese unbeschwerte Distanz fürs Schreiben? </strong><br />
Ich habe mich seither meiner Stadt wieder angenähert. In Zustimmung und Ablehnung. Das gewissermaßen lokalpatriotische Gefühl ist einerseits erwacht, als ich die üble Hetze gegen die Bettler als Attacke auf mein eigenes Salzburg erlebte und beschloss, mich hier nicht vornehm abseits zu halten, sondern Stellung zu beziehen. Und andrerseits habe ich, nicht zuletzt auf meinen Reisen an die europäischen Ränder, schon gelernt, dass es hier in Salzburg auch einiges gibt, das gerühmt und verteidigt zu werden verdient. Ich bin Teil der Stadt und gehöre trotzdem nicht ganz dazu: das ist eine gute Stellung für jemanden, der schreibt.</p>
<p><strong>Würden Sie sich selbst als Moralisten bezeichnen?</strong><br />
Erschrecken Sie bitte nicht: Ja. In der Tradition der literarischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts, in der ich mich sehe. Hoffentlich nicht im Sine der unerträglichen Moralapostel, die uns die Lebensfreude vergällen wollen.</p>
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		<title>Kurz vor dem großen Sturm</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Feb 2015 16:47:24 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[<p><img width="206" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Ilija_trojanow_by_thomas_dorn_232_KB-206x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="ilija trojanow 2007 zrich" /></p>"Mittlerweile arbeiten in den USA prozentuell gesehen mehr Leute für die Staatsicherheit als damals in der DDR"]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="206" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Ilija_trojanow_by_thomas_dorn_232_KB-206x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="ilija trojanow 2007 zrich" /></p><p><em>„Hallo, hört ihr euch eigentlich zu?“ fragt uns der Schriftsteller und Polit-Aktivist Ilja Trojanow. Ein Gespräch über Sicherheitswahn, dekadenten Zeitgeist und die Lust am Genozid.</em></p>
<p>In seinem Essay „Der überflüssige Mensch“ beschäftigt sich Ilja Trojanow mit der Entwertung des Menschen durch Technisierung und Automatisierung. „Überflüssig“ erachteten offenbar auch die US-Einwanderungsbehörden den Erfolgsschriftsteller, als sie ihm trotz gültigen Visums ohne Nennung von Gründen die Einreise zu einem Germanisten-Kongress verweigerten – eine Aktion, die wie kaum eine andere dieses Jahr eine breite mediale Diskussion über Bürgerrechte entfachte und der Trojanow deshalb nachträglich nur Gutes abgewinnen kann. Mittlerweile hat er – abermals ohne Angabe von Gründen – ein Langzeitvisum erhalten. Ein unangenehmer Nachgeschmack bleibt dennoch zurück. Doch ist es tatsächlich so einfach? Der unangenehme Intellektuelle da, die Post-Demokratie, der jeder einzelne ebenso ausgeliefert ist wie der Diktatur, dort?</p>
<p><strong>„Die Gesetze des Marktes markieren die Grenzen der Freiheit“ schreiben Sie in „Der überflüssige Mensch“. Insofern ist es doch fast folgerichtig, dass Ihnen als jemandem, der genau das kritisiert, von einem Staat, der nur noch den Gesetzen des Marktes gehorcht, die Einreise verweigert wurde?</strong><br />
Da gibt es wie so oft eine generelle und eine spezielle Sichtweise: Grundsätzlich ist unser Demokratieverständnis, wonach wie alle vier Jahre wählen dürfen, sonst aber die Macht bei Großkonzernen und anderen Spezialinteressen und ihrer Einflussnahme auf die Parlamente liegt, extrem limitiert. Dennoch vertraut der einzelne im Speziellen darauf, dass er im Rahmen des noch existierenden Rechtsstaates halbwegs legal und damit gerecht behandelt wird. Für die Einreise in einen Staat wie die USA gibt es ganz klare Regularien. Und nach denen war es einfach Unrecht, mich am Besteigen des Flugzeuges zu hindern.</p>
<p><strong>Aber ist dieses Vertrauen, wenn man sieht, wie willkürlich man sich im Einzelfall über existentes Recht hinwegsetzt, nicht hinfällig?</strong><br />
Das Vertrauen ist nicht gerechtfertigt, wenn man daraus den Schluss zieht, wir hätten einen funktionierenden Rechtsstaat und könnten uns deshalb zurücklehnen. Es geht aber darum, wie man mit den Widersprüchlichkeiten umgeht. Wie verteidigt man eine zivilisatorische Leistung? Heute erleben wir mit Guantanamo aber auch in der Flüchtlingspolitik, dass Leute eingesperrt werden, ohne dass man weiß wie lange und ohne dass sich der Staat groß dafür rechtfertigen müsste. Ohne den Staat zu idealisieren, ist es als Autor oder Journalist wichtig darauf hinzuweisen, dass es gewisse staatliche Errungenschaften, den Habeas Corpus etwa, gibt, die man allerdings statt sie weiter zu entwickeln, einfach wieder abbaut.</p>
<p><strong>Morton Rhue, Autor des Buches „Die Welle“, dem man allein dadurch schon eine gewisse Sensibilität für das Thema Demokratie &amp; Diktatur zutrauen sollte, saß neulich in einer Literatursendung des ORF und rechtfertigte dort – weitgehend unwidersprochen &#8211; die Überwachung des Bürgers durch die NSA pauschal mit 9/11. Warum sind Intellektuelle, wenn es um diese demokratischen Errungenschaften geht, plötzlich so unempfindlich? Ist das Angst oder Dummheit?</strong><br />
Ohne Herrn Rhue nahetreten zu wollen, ist ein Romancier per se noch kein Intellektueller. Die Schriftstellerei ist zuallererst eine achtenswerte handwerkliche Fähigkeit. Das aber heißt noch lange nicht, dass man auch imstande ist, die Gesellschaft kritisch zu analysieren. Dass nach 9/11 eine neue Welt der Überwachung und der Kontrolle eingeführt wurde, ist einfach unwahr. Vielmehr wurde das bereits existierende System durch eine Anschubfinanzierung ausgebaut. Und die Profiteure dieses Sicherheitswahns fahren jetzt unglaubliche Rendite ein. Und der eingeschlagene Weg ist – das bestätigen alle Sicherheitsfachleute – auch nicht der richtige, um Terrorismus zu bekämpfen. Man braucht einen enormen Apparat – mittlerweile arbeiten in den USA prozentuell gesehen mehr Leute für die Staatsicherheit als damals in der DDR, und darüber, was das mit einem Staat anstellt, wenn so viele Leute für die STASI arbeiten, sollte man sich ernsthaft Gedanken machen. Dieser enorme Apparat soll, ohne genau zu wissen, wonach er eigentlich sucht, die Datenakkumulation finden soll, die eine Gefahr darstellt. Das ist das genaue Gegenteil von Sicherheitspolitik. In diesem Heuhaufen findet man doch nichts mehr. Wenn es wirklich um unsere Sicherheit vor terroristischen Anschlägen ginge, müsste man sich die Frage stellen, was man mit all diesem Geld, das in den Apparat gesteckt wird, konkret gegen den Terrorismus tun könnte.</p>
<p><strong>Wenn es nicht um Terrorbekämpfung geht, warum gibt es diesen Apparat dann?</strong><br />
Weil es extrem schwer ist gegen Propaganda anzukämpfen. Meine Erfahrung ist, dass diese Maschinerien wie Taifune sind, die alle bestehenden Erkenntnisse wegfegen, sodass man wieder von vorne beginnen muss. Nach jedem Terroranschlag passiert das Selbe: Eine Mischung aus Panik, blindem Aktionismus und Dummheit greift um sich. Da ist es extrem schwer, die Diskussion auf das zurückzuführen, worum es eigentlich geht. Zusätzlich dazu sind Bürgerrechte in der Wahrnehmung der Bürger ein trockenes Thema.</p>
<p><strong>Die Tatenlosigkeit der deutschen Bundesregierung in Sachen NSA ist evident. Noch tatenloser allerdings ist man in Österreich. Davon, dass es ähnliche Übergriffe hierzulande gab und gibt, ist auszugehen. Ist es hier um die Bürgerrechte und die demokratische Grundeinstellung noch schlimmer bestellt als in Deutschland?</strong><br />
Ich vermute schon. Den ersten Fehler machen wir, wenn wir glauben in einer demokratisch verfassten Gesellschaft zu leben. Wichtiger als die Verfassung und das politische System ist nämlich die Haltung. Freiheit ist nichts, was sich institutionalisieren lässt. Natürlich ist es gut, wenn sie in der Verfassung verankert ist. Viel wichtiger aber ist, wenn sich die Menschen als freie Subjekte empfinden und dadurch allergisch auf alle Versuche einer Einschränkung reagieren. Mit der demokratischen Verfasstheit in unserem Land aber sollte man keine Illusionen haben. Die meisten Menschen sind doch in extrem durchherrschte Arbeitsverhältnisse eingebunden. Der Lauschangriff, den wir hier jetzt am Beispiel der NSA-Übergiffe diskutieren, ist in der Privatwirtschaft längst etabliert. In großen Konzernen werden alle Räume überwacht. Jeder Computer und damit die Arbeitseffizienz jedes einzelnen wird überwacht. Das hat zur Folge, dass sich der einzelne alles andere als frei fühlt. Und so ist es schwer vorzustellen, dass er am abend nach Hause kommt und dann plötzlich seine Freiheit auspackt, d.h. sich im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang gar nichts sagen lassen will.</p>
<p><strong>Revolution ist für die meisten ein Begriff, der geradezu unfassbar weit weg ist. Ist das nicht ein riesiger Irrtum? Sollten wir nicht Bewusstsein leben, dass das Eis, auf dem unsere Zivilisation aufbaut, sehr dünn ist?</strong><br />
Ich bin gar nicht sicher, ob wir uns Revolution nicht vorstellen können oder nur eine ganz bestimmte Form der klassischen gesamtgesellschaftlichen Revolution. Spezifische Revolutionen werden ja konstatiert. Zu Recht, denn was bestimmte technologische Entwicklungen mit sich brachten, war revolutionär. Wieso man aber davon ausgeht, dass revolutionäre technologische Entwicklungen nicht auch zu revolutionären sozialen Entwicklungen führen, ist mir schleierhaft. Das ist dem dekadenten Zeitgeist geschuldet. Dass man davon ausgeht, alles wäre starr, ist eine besondere Form der Dummheit, denn nichts ist evidenter als dass ständig überall Veränderung passiert. Wir leben in Zeiten, in denen die inneren Widersprüche des Systems enorm sind, und das ist eine absolute Notwendigkeit jeder Revolution. Andererseits gibt es da diese große Lethargie, eine Apathie und Ratlosigkeit. Dieser Widerspruch ist einzigartig in der Menschheitsgeschichte. Ich denken, wir befinden uns kurz vor dem großen Sturm.</p>
<p><strong>Was genau meinen Sie damit?</strong><br />
Um diese enormen Datenmengen speichern und bearbeiten zu können, hat die NSA ein riesiges Daten-Center in Bluffdale/Utah gebaut. Der Strombedarf dieses Datenwerks ist so enorm, dass man die Eröffnung wegen mehrerer System-Kurzschlüsse bis zum heutigen Tage zwei Mal verschieben musste. Derart labile Systeme zum Einsturz zu bringen, ist doch denkbar einfach. Dafür braucht es vielleicht fünf Leute, die ein bisschen was von Sabotage verstehen. Und genau das ist es auch, was in unserer Gesellschaft oft übersehen wird: Unsere Welt ist enorm labil. Die meisten Formen von Kontrolle und Herrschaft sind labil. Das einzige, was sie am Leben hält, ist diese Apathie. Aber das kann sich schnell ändern.</p>
<p><strong>Apropos Apathie: Sie sprechen in Ihrem Buch vom Genozid durch Unterlassung. Der einzelne mache sich durch Duldung am Massensterben (etwa in Afrika) schuldig. Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern, um dem ständigen Wegschauen ein Ende zu bereiten?</strong><br />
Diesbezüglich hatte ich schon heftige Diskussionen mit Aktivisten, die oft der Meinung sind, die Gesellschaft sei schon ausreichend informiert. Ich bezweifle das. Es kommt darauf an, welche Qualität die Information hat. Hat sie die Qualität etwas zu verändern oder geht sie in diesem Strom, der täglich durch uns durch fließt, auf. Das Problem an Information ist doch, dass sie nicht automatisch zu Empathie führt. Upton Sinclair hat einmal gesagt, nichts sei schwieriger ist als einen Menschen von einer Wahrheit zu überzeugen, die seinen eigenen wirtschaftlichen Interessen zuwider läuft.</p>
<p><strong>Der letzte Satz Ihres aktuellen Buches lautet: „Unter dem Zwang, unentwegt zu funktionieren und zu konsumieren, fällt es uns zunehmend schwer, Empathie zu spüren, Glück zu empfinden.“ Das klingt fast wie eine Entschuldigung, weiter untätig zu bleiben.</strong><br />
Ich versuche einfach zu analysieren, warum wir so ticken wie wir ticken. Fakt ist: Noch nie haben wir so viel Ressourcen verbraucht. Unser Wohlstand hat ja auch sehr viel damit zu tun, dass andere Menschen für sehr wenig Geld ihren Beitrag dazu leisten. Noch nie also waren wir auf Kosten anderer so überprivilegiert. Noch nie aber auch haben wir uns so unglücklich gefühlt und so viel von Krise geredet wie heute. Das ist das große Paradoxon. Wir haben sehr viele Leute in unserer Gesellschaft, die ständig unter Druck sind und funktionieren müssen, sich daher nicht als Gewinner, sondern als potenzielle Verlierer sehen. Das Zusammenspiel von Überprivilegierung und Krise ist ein ganz merkwürdiges.</p>
<p><strong>Sie sagen auch – ich zitiere: „Wenn man das Privileg hat, keinen existenziellen Überlebenskampf führen zu müssen, sollte man sich nicht in seiner Privatsphäre einigeln.“ Das klingt wiederum nach einer klaren Aufforderung, dagegen anzugehen.</strong><br />
Da geht es mir um die so genanten Gutmenschen, die behaupten, das Elend nicht mehr zu ertragen. Hallo, hört ihr euch eigentlich zu? Wie kann es sein, dass einen die existenziellen Sorgen der anderen, mit denen man erst mal nichts zu tun hat, deprimieren? Wer keine Sorgen hat, hat auch kein Recht darauf, sich deprimieren zu lassen. Im Gegenteil: Dann hat man die erstaunliche Freiheit, sich mit den Problemen der Welt auseinander zu setzen. Man hat Freiräume und diese Freiräume muss man nutzen.</p>
<p><strong>Sie nehmen also den neuen Biedermeier in die Pflicht?</strong><br />
Es ist doch erstaunlich, wie gemütlich es sich die Leute eingerichtet haben in der Meinung, es sei eh schon alles zu spät. Das wollte ich ja auch in dem Kapitel über die totale Dominanz der Dystopien in der Populärkultur zum Ausdruck bringen.</p>
<p><strong>Das einzige Kapitel Ihres Buches, das ich nicht ganz nachvollziehen kann.</strong><br />
Wieso?</p>
<p><strong>Weil ich glaube, dass es in diesen Zombie-Endzeitvisionen weniger um Ausgrenzung als um die Lust geht, das Böse greifbar vor sich zu haben und es bekämpfen zu können. Diese Klarheit ist uns ja ziemlich abhanden gekommen, oder nicht?</strong><br />
Schon, aber die Serie „Walking Dead“ beginnt – wie auch all die anderen Filme und Serien dieser Art – damit, dass es eine Form von Apokalypse gibt. Und das halte ich für eine unglaubliche Provokation. Das bedeutet doch, dass ein Großteil der Menschheit vernichtet wurde. Der größte Genozid aller Zeiten fand also statt. Und danach geht es relativ frivol und spannend zu. Wenn man sich überlegt, wie groß die Traumatisierung nach dem Holocaust war, ist diese Lust am Genozid ein schwer zu nachzuvollziehendes Phänomen. Ähnlich phänomenal ist auch der Satz, den ich immer wieder zu hören kriege: „Was willst du eigentlich? Ist doch eh keine Demokratie, was wir da haben.“ Das sichere Wissen also, dass eine gerechte Gesellschaft völlige Utopie ist. Die Zivilisation geht zu Ende, na und? Gerechtigkeit gibt es nicht, na und? Das sind Abfindungen, die horrend sind.</p>
<p><strong>Von der Apokalypse zur Vision: Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen, hat Altkanzler Helmut Schmidt einmal gesagt. In Ihrem Buch haben Sie diesen Satz abgewandelt in „Wer keine Visionen hat, sollte zum TÜV gehen.“ Spricht daraus auch der Ärger über die Linke, die sich irgendwann voll und ganz in diesem nüchternen Pragmatismus diktatorischen Einschlags, den Schmidt verkörpert, verschrieben hat?</strong><br />
Gegenfrage: Gibt es überhaupt noch Linke? Links zu sein bedeutete für mich immer utopische Entwürfe zu generieren oder daran zu glauben. Daraus ergibt sich progressives Verhalten. Das große Versagen der Linken ist doch, dass sie sich die utopische Butter vom Brot nehmen ließen, und diese dominante Lüge, wonach Utopie zwangsläufig zu Diktatur und Totalitarismus führt, akzeptiert zu haben. Das ist hanebüchen. Viel mehr ist sie die Folge von Ressentiments, Rassismus und Kapital. Utopisches Denken dagegen ist notwendig.</p>
<p><strong>Wie stellen Sie sich das vor? Soll jeder einzelne Utopien entwickeln?</strong><br />
Nein. Das ist die Aufgabe von Freidenkern: Künstler, Autoren&#8230; Die Standard-Chefredakterin hat mir unlängst erzählt, dass 90% aller Leute, die ihr Abo kündigen, als Grund dafür Zeitmangel angeben. Nun wissen wir aber, dass unsere Gesellschaft relativ viel Freizeit hat. In Wahrheit ist es eine Frage der Priorität. Während manche Tätigkeiten in der Freizeit als Muss wahrgenommen werden, gehört sich politisch zu bilden und radikal zu denken offenbar nicht dazu.</p>
<p><strong>Eine Ihrer Visionen ist es, in den Menschen und nicht in Software zu investieren. Wie realistisch ist diese Vision angesichts stetig gekürzter Bildungs-Budgets?</strong><br />
Im Moment ist das natürlich nicht realistisch. Und weil ganz klar erkennbar ist, dass es nur noch über die Zurichtung des Individuums als effizientes Objekt in der Wirtschaft geht, müssen wir auch das ganze kranke System überwinden. Ich kenne niemand, der an der Uni arbeitet und nicht erzürnt und enttäuscht ist. Wahrscheinlich ist auch das einmalig in der Geschichte: Dass sich die gesamte akademische Elite darüber einig ist, dass der Weg, den wir beschreiten, vom profunden Denken weg führt.</p>
<p><strong>Sehen Sie das als Kollateralschäden eines Systems, das kurz vor dem Kollaps beginnt sich auf das Wesentliche zu reduzieren?</strong><br />
Ja, aber Kunst und Bildung galten immer schon als Art Luxus. Dass Eliten überversorgt werden, hingegen nie.</p>
<p><strong>Die Konzentration des Geldes in den Händen weniger ist in Österreich viel weiter fortgeschritten als in Deutschland, wie sie in Ihrem Buch belegen. Wieso stört das niemanden?</strong><br />
Es ist mir ehrlich gesagt schleierhaft. Eine Erklärung könnte sein, dass der Reichtum hierzulande schwer sichtbar ist und der kausale Zusammenhang zwischen Anhäufung auf der einen und Mangel auf der anderen Seite, den man für soziale Rebellion immer braucht, deshalb nicht spürbar ist.<br />
In der Regierungspropaganda wird immer noch extrem erfolgreich behauptet, es sei ganz allgemein kein Geld da. Alle müssten deshalb den Gürtel enger schnallen. Das glauben dann die meisten. Schon als Metapher ist das aber absurd: Wenn jemand, der 300 Kilo hat, den Gürtel enger schnallen soll, dann ist das für ihn gesundheitsfördernd. Für einen chronisch Unterernährten aber ist es lebensgefährlich. Dass es abermals gelang, die Schaffung einer Vermögenssteuer zu verhindern, ist nur durch erfolgreiche Propaganda der Vermögenserhaltungsindustrie zu erklären.</p>
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		<title>GEORG KREISLER &#8211; Die Anarchie des Augenblicks</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Dec 2011 16:52:13 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[<p><img width="205" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Autorenfoto_Georg-Kreisler_Copyright-Privat1-205x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Autorenfoto_Georg-Kreisler_Copyright-Privat1" /></p>In Leben und Werk hat Georg Kreisler die Unangepasstheit zum Prinzip erhoben und wahrscheinlich war und ist er deshalb Österreichs einzig lebender Anarchist von künstlerischem Weltrang. Er sei „ein Könner und Kauz zugleich“ und er sei „von sublimer Verspieltheit“, schrieb Hans Weigel einmal über ihn. Er vergaß hinzuzufügen, wie treffend bissig Georg Kreisler sein konnte. [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="205" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Autorenfoto_Georg-Kreisler_Copyright-Privat1-205x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Autorenfoto_Georg-Kreisler_Copyright-Privat1" /></p><p><em>In Leben und Werk hat Georg Kreisler die Unangepasstheit zum Prinzip erhoben und wahrscheinlich war und ist er deshalb Österreichs einzig lebender Anarchist von künstlerischem Weltrang. Er sei „ein Könner und Kauz zugleich“ und er sei „von sublimer Verspieltheit“, schrieb Hans Weigel einmal über ihn. Er vergaß hinzuzufügen, wie treffend bissig Georg Kreisler sein konnte. Vielleicht wurde ihm auch desshalb nie die Anerkennung zuteil, die er als Dichter und Komponist verdient hätte. Daniel Kehlmann hat den Mann, der für Charly Chaplin komponierte und mit Bugsy Siegel Schach spielte, zur Reihe ‚Dichter zu Gast‘ eingeladen. Mit Salon sprach er über Zensur, die 68er und Antisemitismus.<br />
</em><br />
<strong>Wissen Sie noch, wann Sie das letzte Mal zensiert wurden?</strong><br />
Die Frage ist, was man ‚zensiert‘ nennt. Der Schlusssatz meines neuen Buches lautete ‚Über Europa kann man nur lachen‘. Der Lektor meinte, der Satz käme zu unvermittelt, und es wäre besser, wenn man ihn weglassen könnte. Ist das Zensur?</p>
<p><strong>Da fängt sie wohl an.</strong><br />
Dann werde ich eigentlich die ganze Zeit zensiert. Ich arbeite jetzt seit etwa fünfzig Jahren in Europa, und mit wenigen Ausnahmen habe ich nie einen großen Verlag oder ein großes Plattenlabel für meine Arbeit begeistern können. Nur wenige Theaterstücke von mir werden gespielt. Das ist auch eine Form der Zensur. Von den großen Medien werde ich einfach nicht akzeptiert.</p>
<p><strong>Und das Publikum?</strong><br />
Mit dem hatte ich nie Schwierigkeiten. Meistens habe ich vor ausverkauften Sälen gespielt. Schlechten Besuch hatte ich nur, wenn jemand dachte, dass der Kreisler so bekannt ist, dass man kein Plakat braucht.</p>
<p><strong>Wovon träumen Sie, wenn Sie schreiben?</strong><br />
Es ist nicht eine Frage des Träumens, sondern dass man eigentlich in einer irrealen Welt lebt, so lang man schreibt oder komponiert. Ein tranceähnlicher Zustand. Andererseits lebe ich ein bürgerliches Leben. Ich zieh mich nicht verrückt an und meine Orgien liegen auch schon länger zurück.</p>
<p><strong>Aber wenn man an Georg Kreisler denkt, denkt man dennoch nicht an Normalität.</strong><br />
Ich weiß, worauf sie hinaus wollen. Angepasst bin ich trotz meines normalen Lebens noch lange nicht.</p>
<p><strong>Über ihren Dienst in der US-Army meinten Sie, Sie hätten die Erfahrung gemacht, dass einem nichts passiert, wenn man nur konsequent ungehorsam ist.</strong><br />
Es ist mir auch wirklich nie etwas passiert, obwohl ich mich immer wieder unerlaubt von der Truppe entfernt habe.</p>
<p><strong>Widerstand als Prinzip?</strong><br />
Wenn man mich zu etwas zwingen will, dann gehe ich. Heute mehr als früher, als ich durch die Immigration starke Existenzängste hatte und mich daran gewöhnen musste, überall mitzumachen, um ein Auskommen zu finden. Als es mir dann besser ging, habe ich mir den Luxus erlaubt, öfter einmal ‚Nein‘ zu sagen.</p>
<p><strong>Das heutige Fernsehen muss ihnen ob seiner stumpfsinnigen Angepasstheit ein Gräuel sein?</strong><br />
Was heute Comedy genannt wird, ist wirklich übel. Da schau ich schon nicht mehr hin. Gelegentlich überzeuge ich mich davon, dass es auch wirklich nicht gut ist, und dann lass ich’s wieder.</p>
<p><strong>Wenn Sie zwanzig Jahre später geboren worden, wären Sie wohl ein 68er geworden, dreißig Jahre später vielleicht sogar Punk&#8230;</strong><br />
Bis zu einem gewissen Grad war ich ein 68er, obwohl ich schon in den Vierzigern war. Ich hatte eine starke Sympathie für die Bewegung und habe sie auch heute noch. Ich war auch einer der ersten, der mit dem Publikum diskutierte:  Auf dem Klavier hatte ich eine kleine Glocke. Wenn ich sie läutete, ging das Saallicht an und ich forderte die Leute auf, sich mit mir zu unterhalten. Da hat man mir schon auch mal Stühle auf die Bühne geschmissen.</p>
<p><strong>Aber obwohl Sie sehr explizit waren – Zeilen wie ‚Es hat keinen Sinn mehr, Worte zu wählen, die Zeiten sind vorbei‘ klangen für viele nach Ulrike Meinhof – wurden sie von der Bewegung nie so richtig akzeptiert.</strong><br />
Ich glaube nicht. Ich demonstrierte, schrieb, wurde zensiert und habe weiter meine Abende gemacht.</p>
<p><strong>Würden Sie sich immer noch als Anarchisten bezeichnen?</strong><br />
Natürlich.</p>
<p><strong>Inwiefern?</strong><br />
Insofern, als es klüger wäre, zu verwalten als zu regieren. Menschen sollten über andere Menschen höchstens Autorität, nicht aber Macht haben. Mein Schneider etwa hat – was den Schnitt meiner Anzüge betrifft – Autorität, weil er davon mehr versteht als ich. Macht hat er deshalb noch lange keine über mich.</p>
<p><strong>Sie haben einmal gesagt, erst die Geschichte habe Sie zum Juden gemacht?</strong><br />
Einer meiner Freunde wurde einmal von seiner Tochter gefragt, was sie zur Jüdin mache. Er antwortete: Die Antisemiten. Das trifft es. Ich hätte wenig Interesse am Judentum entwickelt, wenn ich nicht dauernd Antisemitismus erleben hätte müssten. Der hat mein Leben bestimmt, nicht das Judentum.</p>
<p><strong>Diesen selbstverständlichen Antisemitismus von damals, gibt es den den noch?</strong><br />
Auf jeden Fall, es hat sich rein gar nichts geändert.</p>
<p><strong>Parlamentsmitarbeiter, die einschlägiges Material bestellen, mutwillig gestörtes Gedenken&#8230; Wird der Antisemitismus auch wieder salonfähiger?</strong><br />
Es ist keine Frage der Salonfähigkeit. Es ist die innere Überzeugung, dass Juden eine andere Art von Mensch sind. Das ist natürlich Unsinn. Sie sind höchstens in der Hinsicht anders, dass sie verfolgt und benachteiligt werden. Aber sonst: Schauen Sie nach Israel, dort sind die Leute genauso dumm wie überall anders auch.</p>
<p><strong>Heute versucht Daniel Barenboim mit dem West-Östlichen Diwan-Orchester, Israelis und Palästinenser einander näher zu bringen&#8230;</strong><br />
Das ist ein lobenswerter Versuch, der aber keinen großen Effekt zeitigen wird, nicht einmal bei den Leuten, die im Orchester spielen: Die arbeiten gemeinsam, aber werden sie ihre Meinungen ändern?</p>
<p><strong>In Salzburg hatten Sie einmal großen Erfolg mit einer Inszenierung des Lumpazivagabundus, in der Nazis neben Juden spielten. Wie lief diese Zusammenarbeit?</strong><br />
Über Rassenfragen wurde nicht gesprochen. Man hat zusammen gearbeitet, sich aber sonst nicht an einen Tisch gesetzt.</p>
<p><strong>Sie gelten als manischer Auswendiglerner. Ihre Biografen meinen, Sie hätten eine ganze Bibliothek im Kopf.</strong><br />
Ich hab ein ganz gutes Gedächtnis.</p>
<p><strong>Welcher Zweizeiler kommt ihnen spontan in den Sinn?</strong><br />
Die Zeile eines neuen Gedichtes: &#8222;Am Strand von San Francisco hat der Mond bisweilen eine blütenweiße Farbe Und wer dann zufällig in San Francisco wohnt, den schmerzt auf einmal eine alte Narbe.&#8220; So fängt es an&#8230;</p>
<p><strong>Vielen Dank für das Gespräch.</strong></p>
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