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	<title>Markus Deisenberger - Texte &#38; Musikmanagement &#187; Film</title>
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		<title>Lulus Unterbauch</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Feb 2018 15:51:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Deisenberger]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Theater]]></category>

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		<description><![CDATA[<p><img width="200" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Tsangari1_c_Jasmin-Walter-200x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Tsangari1_c_Jasmin-Walter" /></p>Real, surreal... wer Tsangaris´ Filme kennt, weiß, dass das Kategorien sind, mit denen sich die Regisseurin nicht aufhält. Ihr Spezialgebiet ist die sanfte Abweichung von der Realität.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="200" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Tsangari1_c_Jasmin-Walter-200x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Tsangari1_c_Jasmin-Walter" /></p><p><em>Mit Filmen wie &#8222;Attenberg&#8220; und &#8222;Chevalier&#8220; hat <strong>Athina Rachel Tsangari</strong> international auf sich aufmerksam gemacht. Bei den Salzburger Festspielen wird die gefeierte Filmregisseurin erstmals Wedekinds &#8222;Lulu&#8220; für die Bühne inszenieren &#8211; ein Risiko, aber angesichts der Klasse ihrer Filme ein durchaus kalkuliertes. Mit vision.salzburg sprach sie über soziale Substanz und Kontrollverlust.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Sie sind Filmregisseurin. Nun inszenieren sie erstmals auf einer Bühne. Ist der Zugang eines Theaterregisseurs ein anderer?</strong></p>
<p>Der große Unterschied ist die Kontrolle: Mit der Kamera kann man so nah ran oder so weit weg gehen, wie man will, man kann den Blick und die Augen, die Größe oder Kleinheit kontrollieren, den Ausschnitt und die exakte Form im Ausschnitt manipulieren. Im Theater ist der Zuschauer die Linse. Der Zuseher hat immer das große Bild und das kleine und kann entscheiden. Die Freiheit liegt also im Auge des Betrachters, es ist nicht so stark kontrolliert wie im Film, wo ich als Regisseurin immer die volle Kontrolle darüber habe, was im Frame, im Close Up ist und was nicht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Ist das, was Sie vor ihrem inneren Auge hatten, als Sie zusagten, Lulu zu inszenieren, anders als das, wohin es sich jetzt nach den ersten Proben bewegt?</strong></p>
<p>Ja, sehr. Ich habe mich anfangs erst mal auf die Tribüne gesetzt, um mir das aus den Augen des Zusehers anzusehen, die physische Qualität des Platzes zu erfahren und mich mit der Tatsache anzufreunden, dass ich die Linse nicht kontrollieren kann.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Also geht es darum zu lernen, wie man mit dem Verlust von Kontrolle klarkommt?</strong></p>
<p>Es sind unterschiedliche Formen von Kontrolle. Als Regisseur musst du Kontrolle haben. Es geht darum zu kontrollieren und imaginieren und dadurch die Realität zu vergrößern, sie zu verstärken. Ich arbeite viel mit Close Ups. Für mich geht es also ganz wesentlich darum, damit klarzukommen, keine Möglichkeit für Close Ups mehr zu haben. Das ist eine Herausforderung</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Wie kompensieren Sie den Mangel?</strong></p>
<p>Durch Performance. Die Fokussierung passiert durch die Darbietung des Schauspielers, durch Stimme und Spiel dieser wunderbaren Geschöpfe. Das ist die Magie des Theaters: Das große und das kleine Universum, diese multiplen Schichten von Intimität und Nähe zu kreieren, um dem Publikum die Möglichkeit zu geben, etwas zu erfahren. Nachdem ich zwanzig Jahre fürs Kino gearbeitet habe, fühle ich mich durch diese Möglichkeiten des Theaters unfassbar inspiriert und belebt. Neue Fragen tauchen auf, neue Möglichkeiten ergeben sich. Dass ich mir all diese Fragen stellen kann, ist eine große Chance.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>War diese angedeutete Challenge der Hauptgrund, dass Sie das Angebot, die Lulu zu inszenieren, angenommen haben?</strong></p>
<p>Auch, aber nicht nur. Ein wenig ist es auch Schicksal. Ich habe mit Theater begonnen, die griechische Tragödie studiert, und damals eigentlich gedacht, ich würde einmal Theaterregisseurin werden. Nachdem ich nach New York ging, hat mich aber der Film, wenn man so will, gefesselt und einkassiert. Das Theater aber hab´ ich niemals vergessen. Es ist also ein bisschen wie eine Rückkehr zu meinen Wurzeln, zu einem Beginn, den ich nie wirklich weiterverfolgt habe.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Waren Sie mit Lulu vertraut? Kannten Sie das Stück?</strong></p>
<p>Ja. Ich habe es ein paar Mal gesehen und war erst einmal geschockt, als ich gefragt wurde.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Warum?</strong></p>
<p>Weil es eines der schwierigsten Stücke ist, die ich je gesehen habe. So viele Leute haben daran gearbeitet. Und es ist umso schwieriger für mich, als ich so viele verschiedene Versionen davon gesehen habe. Ich war also hin- und hergerissen zwischen Chance und Angst, wie ich die Geschichte über dieser Frau ins 21. Jahrhundert transferieren soll &#8211; noch dazu in einer Sprache, die ich nicht verstehe, nicht spreche.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Wie lösen Sie das Dilemma?</strong></p>
<p>Wedekind hatte diese Hassliebe mit ihr, glaube ich. Am Ende weiß eigentlich niemand, was Lulu wirklich denkt. Deshalb gibt es so viele Versionen darüber, Mutmaßungen, was oder wer sie ist. ich wäre nicht daran jnteressiert, nur das, was Wedekind schrieb, auf die Bühne zu bringen. Das wäre mir zu wenig. Ich muss meine Version, meine Leseart auf die Bühne kriegen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Erzählen Sie mir Ihre Version?</strong></p>
<p>Das Großartige an Lulu ist, dass sie alles und nichts zugleich sein kann. ihre Position in Wedekinds Welt ist so etwas wie ein Spiegel, der den Leuten ihr Begehren, ihre Angst und ihren Neid vor Augen führt. Todessehnsüchte, Masochismus und Sadismus.</p>
<p>Für mich ist Wedekind, so wie er schreibt, kein Realist, auch kein Naturalist, er ist einfach er selbst. Und genauso hat er Brecht und Beckett vorweggenommen. Nun geht es darum, die Fragen zu stellen: Wer ist Lulu heute, in unserer Welt? Als Femme Fatal, als Opfer, als Täter?</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Warum lässt Lulu diesen Strudel aus Hass, Sex und Niedertracht nicht einfach hinter sich und haut ab?</strong></p>
<p>Sie ist in der Falle, weil sie nur Sinn in dem System, in dem sie ist, Sinn macht. Sie ist mit jemandem, gleichzeitig ist sie mit jemandem anderen und hat dadurch Macht. Sie braucht ein Dreieck, um zu funktionieren und sich sicher zu fühlen. Warum sollte sie das verlassen?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Zugleich ahnt man doch aber, dass es genau dieses Dreieck sein wird, das ihr zum Verhängnis werden wird.</strong></p>
<p>Ja, aber das ist das Geniale an Wedekind: Dass er all die Fragen stellt, aber keine Antworten gibt. Man weiß nicht, wer diese Leute sind. Man kann unheimlich viel in sie reinprojizieren. Alwa, Geschwitz sind Prototypen moderner Menschen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Könnte man das Stück als Statement für soziales Versagen lesen?</strong></p>
<p>Unbedingt, und genau das ist es auch, warum es heute noch so relevant ist. Das Stück ist ganz eindeutig über Konsum. Es geht darum, jemanden zu konsumieren. Sobald der andere dir gehört, willst du ihn nicht mehr. Das ist die Basis der Konsumlust. Sobald Lulu einen Liebhaber hat, will sie einen anderen. Aber die Männer agieren genau gleich. Gleichzeitig sind sie alle Fremde. Man weiß nur, welchen Jobs sie nachgehen, sonst nichts. Weil sie alles besessen von Lulu sind. Lulu ist diese Lust nach etwas. Am Ende ist es aber nicht wichtig, wer oder was sie ist. Es geht um diesen tierischen Antrieb zu erobern. Menschen werden zu Gefäßen oder Projektionsflächen für Konsuminteressen degradiert. Es geht darum, wie man das Menschliche und die soziale Substanz verliert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Wieso arbeiten Sie mit drei verschiedenen Lulus?</strong></p>
<p>Weil ich mit einem Dreieck als Organisationsprinzip arbeiten wollte. Das Prinzip des Dreiecks interessiert mich ganz generell. In jeder Zweierberziehung gibt es einen Dritten.</p>
<p>Und: Lulu ist unfassbar einsam. Wenn sie zu dritt sind, können ihr die anderen beiden beistehen</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Sie wollten ihr also einen Gefallen tun?</strong></p>
<p>Ja. Ich hab ihr eine kleine Familie gegeben, zwei Zwillingsschwestern.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>In einem Dialog mit Alwa sagt Lulu: &#8222;Warum schreibst du deine Dramen nicht wenigstens so interessant wie das Leben ist?&#8220; Er antwortet: &#8222;Niemand würde das glauben.&#8220; Muss gute Literatur, gute Kunst immer ein wenig phantastisch sein, damit wir sie überhaupt glauben können? Was ist ihre Erfahrung mit Realismus und Illusion? Was funktioniert?</strong></p>
<p>Ich arbeite nie mit 100%iger Realität. Mein Realismus ist einer, der 30 Grad von der Realität abweicht. Da ist immer diese leichte Abweichung. Das kann man weder phantastisch noch realistisch nennen. Idiosynkratischen Naturalismus würde ich das nennen. Ich weiß auch gar nicht, was es im Jahr 2017 bedeutet, realistisch zu sein. Wo wir doch jeden Moment unseres Lebens in multiplen Realitäten leben. Wir schauen uns an, gleichzeitig schauen wir auf unsere Bildschirme. Was ist da reell und was nicht? Es gibt zu viele Bildschirme und zu viele Linsen. Im Kino wurde ich immer nach dem Plot gefragt. Als ob der das Wichtigste wäre. Dabei ist die wichtigste Frage ist nicht die nach dem Plot, sondern wie dieser Plot, die vordergründige Erzählung also, den Unterbauch, der den Kern deiner Existenz betrifft, stützt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Was ist der Unterbauch von Lulu?</strong></p>
<p>Die vordergründige Geschichte ist klar: Eine Frau wird &#8211; Cliché männlicher Phantasie &#8211; so begehrt, dass sie zur Zerstörerin wird. Mich interessiert aber, was es für sie bedeutet, gleichzeitig das Objekt der Begierde und Zerrstörerin zu sein. Ich will es für sie herausfinden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Vielen Dank für das Gespräch.</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Raus aus dem schwarzen Loch</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Feb 2018 15:30:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Deisenberger]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[<p><img width="225" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/B6609442-Bearbeitet-e1518622208532-225x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Stefan Fürtbauer" /></p>&#160; Als sie binnen kürzester Zeit Vater, Mutter und den Bruder verliert, entscheidet sich Adele Neuhauser, ihr Leben aufzuschreiben. Ein guter Entschluss, denn &#8222;Ich war mein größter Feind&#8220; ist trotz mehrerer Selbstmordversuche in ihrer Jugend und der jüngsten Schicksalsschläge ein äußerst positives Buch geworden. Voll Zuversicht blickt die Schauspielerin in die Zukunft, weil sie sich [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="225" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/B6609442-Bearbeitet-e1518622208532-225x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Stefan Fürtbauer" /></p><p>&nbsp;</p>
<p><em>Als sie binnen kürzester Zeit Vater, Mutter und den Bruder verliert, entscheidet sich Adele Neuhauser, ihr Leben aufzuschreiben. Ein guter Entschluss, denn &#8222;Ich war mein größter Feind&#8220; ist trotz mehrerer Selbstmordversuche in ihrer Jugend und der jüngsten Schicksalsschläge ein äußerst positives Buch geworden. Voll Zuversicht blickt die Schauspielerin in die Zukunft, weil sie sich auf das freut, was noch kommen wird. Das Neue, Ungelebte.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>Mit Vision. Salzburg sprach sie darüber, wie man Frieden mit der Vergangenheit schließt und die eigenen Schwächen für den Beruf nutzt.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Viele Biographien sind nostalgische Rückschau. Bei Ihrer gibt es auch alte Fotografien und Tagebucheinträge zu sehen, aber das Buch ist insgesamt doch sehr nüchtern, schonungslos und zukunftsorientiert. War das eine bewusste Entscheidung?</strong></p>
<p>Ja, das war eine ganz bewusste Entscheidung. Ich wollte nach den Schicksalsschlägen der letzten beiden Jahre anfänglich fast nicht mehr weiterschreiben, weil ich die Befürchtung hatte, es könnte möglicherweise eine zu bedrückende Lektüre werden. Doch dann wurde mir erneut bewusst, dass das Buch auch eine Chance für mich ist. Nicht nur, um das Geschehene zu verarbeiten.</p>
<p><strong>Das Aufschreiben Ihrer Erinnerungen habe Sie verändert, schreiben Sie. Inwiefern? Wird man gegenüber dem Geschehenen, wenn es einmal schwarzweiß vor einem steht und man es noch einmal durchlebt, und dadurch auch sich selbst gegenüber milder?</strong></p>
<p>Ich habe beim Aufschreiben vieler schmerzlicher Dinge einerseits gelernt loszulassen, aber auch die guten und schönen Seiten entdeckt. In gewisser Weise habe ich den Frieden mit mir und meiner Vergangenheit gemacht. Ich wusste schon, bevor ich zu schreiben anfing, rein abstrakt, dass ich vieles erledigt und überwunden hatte. Wie zum Beispiel meine depressive Phase in meiner Jugend. Aber durch das Hinschreiben hab´ ich es nochmals auf heilsame Weise gefühlt.</p>
<p><strong>Sie haben sechs Selbstmordversuche verübt und erzählen in aller Offenheit davon. Schließlich sei das ein Teil Ihres Lebens, den Sie nicht verleugnen wollen, schreiben Sie. Das klingt einfacher als diese Entscheidung wohl gewesen sein muss. Wie lange mussten Sie dafür mit sich ringen? Und: Hat Sie jemand bei dieser Entscheidung unterstützt?</strong></p>
<p>Ich hatte ja schon vor einigen Jahren offen über meine dunkle Phase gesprochen, in der Hoffnung anderen vielleicht zu helfen, die sich in einer ähnlich ausweglosen Situation befinden. Ich wollte Ihnen zeigen, dass man sich überleben kann und auch gestärkt aus diesem schwarzen Loch herauskommen kann. Die vielen Reaktionen, die ich damals erhalten habe, zeigten mir, dass es richtig war, offen darüber zu reden. Ich habe diese Entscheidung ohne großes Ringen und für mich alleine getroffen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Sie beschreiben Schauspiel als Möglichkeit, dem eigenen Ich zu entkommen. Gab Ihnen die Schauspielerei den Halt, den Sie im Leben vermissten, indem Sie sich &#8222;an den Figuren anhielten&#8220;, wie Sie das einmal so schön beschreiben?</strong></p>
<p>Ja. Ich konnte durch das Verkörpern anderer Charaktere vieles über andere und auch schwierige Schicksale lernen und durchleben und so verloren meine eigenen Umstände an Grausamkeit. Im Gegenteil, meine Erfahrungen mit mir machten mein Spiel reicher. So lernte ich, dass mich meine Schwächen im Leben stark für meinen Beruf machten.<br />
<strong>Wie fühlt sich die Rückkehr ins eigene Leben nach dem Ende des Applauses an? </strong></p>
<p>Man kehrt genährt und gestärkt zurück, sehnt sich aber auch doppelt und dreifach nach der nächsten Vorstellung.</p>
<p><strong>In einer Episode beschreiben Sie Ihre Leidenschaft und Hingabe fürs Theater anhand Ihrer Abneigung gegen jede Art von Ablenkung. Es hat sie immer geärgert, wenn Sie Leute, die gerade nicht auf der Bühne waren, teilnahmslos erlebten, weil das Besondere nur aus einer kollektiven Energie &#8222;und nur dann entstehen kann, wen alle daran glauben und auch tatkräftig daran mithelfen.&#8220; Hat dieser Idealismus über all die Jahre, in denen Sie auf der Bühne oder vor der Kamera wirken, gelitten, oder ist er ungebrochen?</strong></p>
<p>Ich bin bis heute der Meinung, dass reiche Theatererlebnisse für die Agierenden, wie auch für das Publikum nur dann entstehen, wenn dieser Geist über dem Abend schwebt. Aber ich bin mittlerweile milder geworden und lasse auch andere Konzepte gelten.<br />
<strong>Als Rollen bevorzugen Sie &#8222;die wahrhaftigen Charaktere, die jenseits der Fiktion von Sauberkeit, Perfektion und einem bruchlos gelungenen Leben angesiedelt sind&#8220;. Wird das Auffinden solcher Rollen nicht zunehmend schwerer, wenn sogar im Tatort aus neuer Korrektheit nicht mehr geraucht und auch kein Bier getrunken werden darf?</strong></p>
<p>Gute Stoffe waren immer schon rar und schillernde Charaktere, besonders für Frauen, ebenso. Aber die Lust am Geschichten erzählen ist groß und so suche ich mit großer Zuversicht weiter.</p>
<p><strong>Die einzigartige Kraft des Schauspiels liege darin, Tote wiederauferstehen zu lassen, sagen Sie. Klingt nach inniger Liebe. Vermissen Sie diesen mystischen Ort Theater nicht manchmal sehr? </strong></p>
<p>Ja ich vermisse das Theater! Sehr sogar. Aber es wird wieder der Zeitpunkt und das richtige Stück kommen. Da bin ich sicher.</p>
<p><strong>Apropos Mythos: Sie haben einmal die Callas gespielt. Wie nähert man sich solch einer mythischen Figur?</strong></p>
<p>Mit großer Hingabe und Ehrfurcht. Ich habe sie aus den verschiedensten Filmdokumenten und Interviews bis in die kleinste Geste studiert. Das war fast eine detektivische Arbeit, aber sehr inspirierend und aufregend.<br />
<strong>Sie haben eine tiefe Verbindung mit Griechenland, ihr Vater war Grieche, Sie sind teils dort aufgewachsen und bezeichnen Amorgos als Ihre zweite Heimat. Was lieben Sie an Griechenland?</strong></p>
<p>(seufzt) Alles. Die Natur und die wunderbaren herzlichen Menschen.</p>
<p><strong>Wie ging es ihnen, als das Land in der Schuldenkrise war und förmlich in die Knie gezwungen wurde?</strong></p>
<p>Es hat mich wütend und traurig gemacht. Aber jetzt muss man nach vorne schauen und versuchen, die Fehler der Vergangenheit zu reparieren und jungen Menschen Mut machen, sie in ihren Ideen unterstützen, damit sie nicht gezwungen sind, das Land zu verlassen.<br />
<strong>An Deck eines griechischen Fährschiffes Studenten haben Sie beim Singen der damals verbotenen Lieder von Mikis Theodorakis gelauscht und Sie haben die russischen Panzer mit eigenen Augen durch die Straßen Prags rollen sehen. Wie prägen einen solche Erlebnisse politisch?</strong></p>
<p>Zumindest hat mir das Erlebte gezeigt, in welch bedrohliche Situationen falsche Politik ein Volk stürzen kann. Dass es großer Zivilcourage bedarf, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Und dass wir alle verantwortlich sind!<br />
<strong>Würden Sie sich heute immer noch als politischen Menschen bezeichnen? </strong></p>
<p>Sicher bin ich ein politischer Mensch. Ich versuche mit meinen Mitteln auf untragbare Situationen aufmerksam zu machen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Was bringt Sie auf, ärgert Sie an der heutigen Politik?</strong></p>
<p>Besonders ärgert mich, wie Angst und Hetze betrieben werden und sich der allgemeine Ton verändert und Respektlosigkeit immer mehr zum Alltag gehören.</p>
<p><strong>Heiner Müller hat einmal gesagt, Voraussetzung für lebendiges Theater sei ein gewisser Überschuss an krimineller Energie. Können Sie dem etwas abgewinnen?</strong></p>
<p>Ich würde lieber den Künstler Horst Janssen zitieren wollen, der meinte: „ Wen die Götter lieben, den lassen sie spinnen.“<br />
<strong>Vielen Dank für das Gespräch.</strong></p>
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