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	<title>Markus Deisenberger - Texte &#38; Musikmanagement &#187; Philosophie</title>
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		<title>Die Ruhe im Groove</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Feb 2018 13:11:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Deisenberger]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[<p><img width="189" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Nik_Bärtsch1_2010_300dpi-189x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="by Martin Möll" /></p>Die Musik von Nik Bärtsch funktioniert wie eine Art Kokon. Sie umgarnt einen mit ihren wederkehrenden Mustern und, versucht einen durch Repetition hypnotisch für sich einzunehmen.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="189" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Nik_Bärtsch1_2010_300dpi-189x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="by Martin Möll" /></p><p><em>Er begeistert sich für Kampfkunst, trägt Schwarz und seine Stücke heißen Modul 41 oder Modul 29_14. <strong>Nik Bärtsch</strong> gilt als der Zen-Meister des Jazz. Im Rahmen von Jazz &amp; the City wird der Pianist solo und mit seiner Formation <strong>Ronin</strong> auftreten. </em></p>
<p><em>Ein Gespräch über Präzision, poetische Freiheit und wie man mitten im Wirbelsturm seine meditative Haltung bewahrt.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Ihre Musik als Zen-Funk bezeichnet. Ist diese Bezeichnung zutreffend oder Nonsens?</strong></p>
<p>Den Begriff Zen-Funk hab´ ich sogar selbst geprägt ganz am Anfang, als es darum ging zu erklären, was unsere Musik macht. Er bringt die Mischung von starkem Groove, d.h. Rhythmik einerseits und meditativem Aspekt oder auch der Leerheit, dem Platz in der Musik, andererseits zum Ausdruck. Das hat mich immer sehr fasziniert. Der Begriff macht also klar, worum es geht. Gleichzeitig ist er natürlich ein Paradoxon.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Im Jazz gilt die Wiederholung des Gleichen oft als verpönt. Harmonien und Melodien müssen sich ständig ändern, am besten jeder Takt eine neue Tonart beschreiten. Dagegen tritt Ihre Musik ganz massiv an. Die Wiederholung sei es, die wahre Meisterschaft bedeutet, sagen Sie. Warum ist sie so wichtig, die Wiederholung?</strong></p>
<p>Groove hat viel mit kinetischer Energie zu tun und die kriegt man nicht einfach so hin, wenn man ständig Takte und Harmonien wechselt. Wie beim Fahrradfahren, dem Joggen oder Schwimmen braucht es, damit man in eine Art Trance kommt, die alles leichter macht und ins Fließen bringt, die kinetische Repetition. Gleichzeitig gibt einem die Wiederholung auch die Chance, sich selber zu massieren und die Musik immer lockerer und natürlicher fließen zu lassen, und genau dadurch erarbeitet man sich eine große natürliche Freiheit, in der man dann interessante Lösungen findet &#8211; als einzelner Musiker, aber auch als Gruppe.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Ist die Repetition auch ein Weg zur Perfektionierung des Groove? </strong></p>
<p>Perfektionierung ist vielleicht ein zu extremes Wort, aber wir mögen die Präzision, die aus dem Natürlichen kommt. Wenn eine gewisse Meisterschaft im Handwerk erreicht wird. Der Vorteil der Wiederholung liegt darin, dass gewisse Abläufe präzisiert werden. Wenn die einmal stimmen, kann man sie belassen und am Inhalt arbeiten. Es geht also weniger um eine intellektuelle Perfektion als eher um eine handwerkliche Präzision, damit am Ende ein schönes natürliches Produkt oder eine spezifische Art des gelungenen Zusammenspiels steht. Handwerksgeist ist ja etwas zutiefst Menschliches. Das interessiert mich, und daran lässt sich ein Leben lang arbeiten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Ihre Musik setzt sich aus Phrasen und Motiven zusammen, die immer wieder neu kombiniert und überlagert werden. Hat die Wiederholung auch eine rituelle Funktion? </strong></p>
<p>Soziale Konstanz innerhalb der Gruppe, aber auch eine Konstanz des Arbeitens sind ungemein wichtig. Wir spielen zum Beispiel seit dreizehn Jahren jeden Montag im eigenen Klub. Das ist wichtig, damit die Gruppe lebendig bleibt und die Mechanismen eingeübt werden, bevor man dann in der Meisterschaft oder der Champions League scheinbar locker loslegt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Wie schwierig ist es, sich Montag für Montag aufs Neue zu motivieren und die Konzentration hoch zu halten?</strong></p>
<p>Es ist ungeheuer anspruchsvoll und herausfordernd das zu machen und es ist nie garantiert, weil jeden Montag beginnt man wieder bei Null. Wer kommt? Erhält unsere Haltung Resonanz? Spürt man die Dringlichkeit? Gibt es auch die nötige Gelassenheit? Gehen die Leute gern dahin, um uns zu treffen und mit uns zu reden? Ziehen wir auch international Leute an? Haben wir auch untereinander Spaß? Kommen wir durch Krisen und Konflikte? Das Ganze ist ein extrem spannender Indikator, wie es um uns, unsere Musik und die Gemeinschaft rund um die Musik steht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Ein zentrales Wesen des Jazz ist Improvisation. In Ihrer Musik aber gibt es keine ausufernden Improvisationen. Da könnte man sich fragen: Wie viel Formalismus und formale Strenge verträgt der Jazz überhaupt? Andererseits: Ihr neues Album ist formal strenger denn je und groovt mehr denn je.</strong></p>
<p>(lacht) Genau das ist der scheinbare Widerspruch. Aber im Funk ist das so, und auch im Zen: Damit der Flow kommt, braucht es zunächst Disziplin. Dass man so lange zusammenarbeitet, bis die Musik zu fließen beginnt. Strawinsky hat einmal gesagt, durch selbst gewählte Einschränkung entstehe eine große Freiheit. Darauf beziehen wir uns. Und auf die Tradition, wonach Freiheit in der Improvisation ganz zentral ist. Uns interessiert allerdings weniger die Fingerfertigkeit des einzelnen Spielers als die der Gruppe. Das Bewusstsein des Solisten, in der Musik neue Dinge zu erfinden, ist sehr stiladäquat. Man hört manchmal gar nicht, dass einer etwas erfindet oder dass einer soliert, weil er so konzeptionell spielen kann, dass eigentlich die ganze Gruppe mit ihm soliert.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Würden Sie den Vergleich mit einem präzisen Schweizer Uhrwerk als Kompliment oder eher als Beleidigung auffassen?</strong></p>
<p>Ich finde es ein interessantes Bild, das öfters kommt, was natürlich mit dem kulturellen Kontext zu tun hat, aus dem wir kommen. Was ich mag ist, dass ein Uhrwerk, das mechanisch funktioniert, sich selbst aufladen kann, indem es energiesparend subtil, fragil und präzise agiert. Das gefällt mir. Gerade in Zusammenhang mit Energiestrategien und in Beziehung auf eine Gruppe, die eine gemeinsame Spielanordnung ausprobiert. Wenn die Band fließt, entsteht eine Art Perpetuum Mobile und alles erscheint leicht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Ihre Musik hört sich manchmal sehr dystopisch an, wie der Soundtrack für das sich in der heutigen Welt entfremdet fühlende Individuum. Ist dieser Effekt beabsichtigt?</strong></p>
<p>Wenn Sie mich philosophisch fragen, würde ich das weder dystopisch noch utopisch sondern einfach als Alternative sehen zu sozialen, aber auch musikalischen Strategien. Aber wenn sie diese Frage filmisch stellen, dann würde ich das den Hörern überlassen. Deshalb haben auch die Stücke keine metaphorischen Titel, sondern technische. Für uns ist es zentral, dass sowohl Hörer als auch Musiker eine poetische Freiheit haben. Wenn Sie den urban überforderten Menschen in der Musik hören, dann ist das eine Möglichkeit. Ich bin urbaner Mensch und bewusst nicht raus gegangen ins Kloster, um mich von der Welt zu verabschieden oder in eine innere Welt zu gehen, sondern finde es viel spannender, wenn man die meditiative Haltung mitten im Wirbelsturm zu leben versucht. Ich will gemeinsam mit meiner Gruppe in der Stadt, im urbanen Raum weiterhin Alternativen aufzeigen.</p>
<p>Wenn sie mich fragen, was ich in meiner Musik höre, dann sind es das zwei Elemente: Starke Rhythmik, Kraft und Energie, auf der anderen Seite eine große Leere, Ruhe und Übersicht. Die ganz gelassene Liebe zum Leben und zu den Menschen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Das klingt sehr spirituell. Inwiefern, denken Sie, beeinflusst Ihre spirituelle Einstellung die Musik? Gibt es das eine ohne das andere oder gibt es sie nur gemeinsam?</strong></p>
<p>Für mich spielt das eine ganz wesentliche Rolle, dass sich meine Haltung in der Musik ausdrückt. Ich brauche genau diese Musik, um sie zu hören und um mich an ihr zu kräftigen. Ich brauche es auch, mit Menschen, die ich mag und die meine Ideen teilen, täglich arbeiten zu können und mit ihnen die Welt zu erforschen. Insofern sind Haltung und Musik fast deckungsgleich. Nur ist die Musik größer als ich.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Hat Sie die Arbeit mit Manfred Eicher vom ECM Label geprägt?</strong></p>
<p>Auf jeden Fall. Er ist ein ungeheuer erfahrener Hörer, aber auch Musikvisionär. Diese Idee einer Ruhe und Stille im Klang hat mich schon stark geprägt.</p>
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<p><strong>Denken Sie, ein Konzert kann auch einen kathartischen Effekt haben, indem man in der Musik aufgeht und aus ihr gereinigt wieder hervorgeht? Kann die Musik Dinge wieder zurechtrücken, indem man etwa die verloren geglaubte Distanz zum Alltag wiederfindet?</strong></p>
<p>Wichtig ist mir, dass die Musik inspiriert, nicht im Wellness-Sinne, sondern in einem ganz radikalen existenziellen Sinne. Ich hatte einmal ein Erlebnis: Jemand aus Australien hat eine CD über meine Website bestellt und ich hab´ mich gefragt, warum er das tut. Er könnte die Musik doch einfach downloaden oder dort unten kaufen. Also hab´ ich ihm eine Mail geschrieben, mich bedankt und ihn gefragt. Daraufhin hat er geantwortet, er arbeite für das rote Kreuz. Zurzeit stehe er jeden Morgen auf, schrieb er, mache sich einen Kaffee und lege unsere Musik auf. Dann wisse er &#8211; es war die Zeit dieser Flutkatastrophe &#8211; was zu tun sei. Er gehe raus, um den Menschen zu helfen und sammle zum Teil eben auch Leichen ein. Durch den Direktkauf wollte er die Wertschätzung, dass ihm unsere Musik dabei helfe, ausdrücken. Da habe ich begriffen, dass ich vielleicht nicht die Welkt verändern kann, aber dass ich, was ich mit meinen Kollegen gemeinsam mache, wirklich gut machen muss, weil das wiederum andere Menschen inspirieren kann, das gut zu machen, was sie gut können.</p>
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		<title>Das Streben nach Glück</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Feb 2018 12:58:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Deisenberger]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[<p><img width="200" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Fanz_Schuh-200x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Fanz_Schuh" /></p>Franz Schuh, einer der profiliertesten Essayisten des Landes. In seinem aktuellen Werk „Fortuna“ beschäftigt er sich mit dem Glück. Ein Gespräch über feierliche Einsamkeit, Zeitgeiz und das unerträgliche Glück der anderen. &#160; In Ihrem aktuellen Buch „Fortuna“ fand ich einen der schönsten Sätze, den ich seit langem gelesen habe. Das muss ein Zitat sein. &#160; Nein. [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="200" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Fanz_Schuh-200x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Fanz_Schuh" /></p><p><em>Franz Schuh, einer der profiliertesten Essayisten des Landes. In seinem aktuellen Werk „Fortuna“ beschäftigt er sich mit dem Glück. Ein Gespräch über feierliche Einsamkeit, </em><em>Zeitgeiz und das unerträgliche Glück der anderen.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>In Ihrem aktuellen Buch „Fortuna“ fand ich einen der schönsten Sätze, den ich seit langem gelesen habe.</strong></p>
<p>Das muss ein Zitat sein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Nein.</strong></p>
<p>Jetzt bin ich aber gespannt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Er lautet: „Mich befiel eine Einsamkeit, mit der ich glücklich war, weil sie am Ende einer feierlichen Stimmung doch sehr nahekam.“ Das klingt ein wenig, als habe sich ein heilloser</strong></p>
<p><strong>Melancholiker mit seiner Sicht der Dinge abgefunden.</strong></p>
<p>Nein, abgefunden habe ich mich mit gar nichts. Ich habe ja auch keine Abfindung kassiert. Der Gedanke liegt anderswo: Dass Feierlichkeit unter Umständen nur gegen das funktioniert, was als kollektive Festlichkeit auftritt. Der wahre Karneval ist also das, was ein Mensch mit sich selber haben kann, wenn er angesichts der Verhältnisse diese lustig findet. Aber mit dem Traurigsein ist es genauso: In der Einsamkeit ist ein Feierlichkeitsgefühl möglich, das nervös im Kollektiv nur vorgetäuscht wird.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Ein Buch über etwas so Unfassbares wie Glück zu schreiben, klingt erst mal nach einem gewaltigen Eigentor. Hat es sich als solches erwiesen? Wie schwer war es, sich diesem Phänomen anzunähern?</strong></p>
<p>Bei dieser Glücksgeschichte wird immer ein und derselbe Fehler gemacht: Dass es ein Problem sei, dass sich niemand drauf einigen kann, was Glück ist. Das ist ein Fehler, weil gerade die Stärke des Glücks in Form und Inhalt darin besteht, ein pluralistischer Begriff zu sein. Da muss man den Philosophen Hans Blumenberg zitieren, der das sehr eingängig dargestellt hat: „Würden wir wissen, was das Glück ist, würden wir Idioten uns alle dort anstellen“. Dass wir es eben nicht wissen bzw. uns nicht darauf einigen können, ist gerade das Wunderbare.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Hat sie die Beschäftigung mit dieser enormen Vielfalt schlauer gemacht, ja vielleicht sogar dem persönlichen Glück nähergebracht?</strong></p>
<p>Das ist der zweite Irrtum: Dass ein Theoretiker des Glücks naturgemäß jemand sein muss, der entweder besonders glücklich oder besonders unglücklich ist. Dem ist nicht so. Mich interessiert am Glück, dass jeder, der darüber nachdenkt und sich dazu äußert, zugleich ein Konzept hat, oder nennen wir es Menschenbild, eine gedankliche Programmierung, in deren Rahmen er dies oder jenes Glück nennt. Mich interessieren die Gedankenkonzepte einschließlich des Konzeptes, dass man vom Glück überhaupt nichts hören will, weil es angeblich eine spießige Angelegenheit sei.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Die heute sehr populären Lebensratgeber beanspruchen meistens für sich, den einen Weg zum Glück parat zu haben. Versteht sich Ihr Buch in seiner bewussten Vielfalt als Gegenentwurf zum modernen Lebensratgeber?</strong></p>
<p>Ich habe zu Lebensratgebern eine neutrale Meinung, aber was mir auffällt ist, dass die meisten ein geradezu mechanisches Weltbild haben: Die Argumentation beispielsweise, wonach der Alltag eine quälende Last sei. Also, sagt der Lebensratgeber, muss man etwas anders machen als bisher. Man muss – und diese Absurdität habe ich tatsächlich gehört und sie ist auf ihre Art auch unfreiwillig witzig – morgens mit einer anderen Zahnbürste die Zähne putzen, dann beginnt die Veränderung. Und durch das Anderssein ist der Alltag nicht mehr die Last, die er vorher war. Dahinter steckt ein mechanisches Anstoßdenken. Man müsse den Leuten nur Anstoß geben, dann ändert sich etwas. Gesamtgesellschaftlich gesehen ist die Ratgeberschaft der Versuch, Abstraktionen direkt auf reale Situationen anzuwenden, und das fällt ziemlich ideologisch aus. Ideologie aber ist notwendig falsches Bewusstsein. Es fehlt die Einsicht ins andere Menschenleben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Sie zitieren Aristoteles, der sinngemäß gesagt hat, wenn man ihn fragen würde, was uns alle eint, dann wäre es das Streben nach Glück. Andererseits schreiben Sie, dass es das Glück ist, das uns Menschen voneinander trennt, weil die wenigsten glücklich sind. Ist das nicht geradezu absurd?</strong></p>
<p>Das ist im Augenblick leider eine ganz wesentliche Geschichte: Das Glück, das die anderen haben, ist für manche die Ursache des eigenen Unglücks. Man erträgt das Glück der anderen nicht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Spielen Sie da auf die so genannten „Abgehängten“ an?</strong></p>
<p>Nein, ich liebe die Abgehängten. Ich bin ja selber einer. Ich spiele auf etwas an, was Abgehängte genauso haben können wie Insider: Ressentiments. In der gesellschaftlichen Hierarchie ist einer immer stärker als der andere. Die Befürchtung, ein anderer sei stärker als man selbst, ist in jeder Situation dieser Konkurrenzgesellschaft präsent. Also jeder kann sozusagen ein Ressentiment erleiden. Dass nur die Abgehängtem die so genannten Modernisierungsverlierer, diese Eigenschaften hätten, ist schlicht falsch. Wenn ich manche Bankdirektoren reden höre, findet man dieses Gefühl, von der Politik zurückgesetzt zu sein, genauso. Die reagieren genauso ressentimentgeladen, wie man das bei uns Abgehängten findet. Und es gibt durchaus Angehängte, die mit sich gut umgehen können und den Ressentiment-Anteil, den ihre Seele natürlich auch hat, zivilisieren. Ich halte Ressentiments für unausbleiblich.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Gehen wir zum zwischenmenschlichen Glück: „Jeder bringt für sich die Zutaten fürs Glück mit“ schreiben Sie. Mitunter aber stelle sich bei näherer Betrachtung heraus, dass die Zutaten zu verschiedenen Arten von Glück gehören. Was bringt einer Beziehung Glück? Ist es das ständige Abgleichen, ob man noch eine kongruente Vorstellung von Glück hat?</strong></p>
<p>Seltsamerweise glaube ich, dass es genau das ist, was tatsächlich passiert. Das Abgleichen passiert allerdings nicht in Form von Listen, die man frühmorgens gemeinsam abhakt, sondern es gibt eine bewusst unbewusste Strategie, bei der man erkundet, ob das, was man selbst für Glück hält, vom anderen mitvertreten wird oder noch eine Entsprechung findet. Und in diesen Zusammenhängen muss man auch zur Kenntnis nehmen, befinden sich sehr viele Risse. Da kann man viele Risse bemerken.</p>
<p>Ein Psychologe wie Ronald Laing hat so manche Konstellation aufgezeigt, aus denen man plausibel entnehmen kann, wie es aussieht, wenn es nicht funktioniert: Ein Ehepaar fährt z.B. auf Hochzeitsreise und das Paar zerstreitet sich hoffnungslos. Warum? Weil er die Vorstellung hatte: Jetzt bin ich verheiratet. Jetzt kann ich endlich mit meiner Frau in die Öffentlichkeit gehen. Und sie hatte die Vorstellung: Jetzt bin ich verheiratet. Jetzt kann ich endlich mit meinem Mann allein sein. Solche plumpen Gegensätze können sich entfalten. Die Risse, die entstehen sind viel subtiler. Dafür haben wir dramatische Literatur, die diese feinen Risse genau zeigen kann.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Sie beschreiben den „Zeitgeiz“, d.h. den aktuellen Drang, möglichst jede Stunde mit Aktivität vollzustopfen, was Sie als lebendfeindlich und widerwärtig empfinden.</strong></p>
<p><strong>Ist es dieser Zeitgeiz, der uns am Glück hindert? Oder umgekehrt: Kann der verschwenderische Umgang mit Zeit Glück bedeuten?</strong></p>
<p>Nur dann, wenn das schlechte Gewissen wegfällt. Da gibt es diese Geschichte von Botho Strauß, in der ältere Damen Unmengen an Kuchen in sich hineinstopfen, dabei allerdings kein Glück empfinden, weil sie ein schlechtes Gewissen plagt. Diese Mischung aus Genuss und schlechtem Gewissen ist besonders bei Alkoholikern stark ausgeprägt. Sie sind traurig, weil sie getrunken haben. Und weil sie traurig sind, trinken sie weiter. Das ist eine verdammte Falle.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Im Buch streifen Sie auch unseren merkwürdigen </strong><strong>Umgang mit Sucht, der sich durch </strong></p>
<p><strong>Ausschlussfreudigkeit und Diskriminierungslust auszeichnet: Zuerst hat man sich die Raucher vorgeknöpft, dann kamen die Fettleibigen an die Reihe, und irgendwann sind es dann die, die zu viel arbeiten und deshalb Burn Out bekommen. Auch die kosten Geld. Wo hört diese Entwicklung auf?</strong></p>
<p>Das ist ein hochinteressantes Phänomen. Je komplexer die Gesellschaften sind, desto mehr leiden sie an dieser Urteilskrankheit, wie Canetti es nannte. Das hat den Sinn, die Massen in übersichtliche Einheiten zu ordnen, indem man sie in Gut und schlecht einteilt. In gewisser Weise ist es unvermeidlich, dass man Gruppen von den anderen unterscheidet. Aber in dieser Unterscheidung gibt es Möglichkeiten, die anderen so darzustellen, dass sie einem vernichtenswert erscheinen. Es entstehen immer neue Gruppen, die man verachten kann. In Wahrheit hasst man nur sich selbst und projiziert sich selbst in die anderen, um sich selbst richtig hassen zu können, ohne von den Folgen des Hasses betroffen zu sein. Das halte ich für ebenso unvermeidlich wie das Ressentiment. Das einzige, was man tun kann, ist einen zivilisierten Umgang damit pflegen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Sie zitieren Michel Agier, der besagt, die herrschende Migrationspolitik diene der Festigung einer Aufteilung in zwei große Weltteile: Auf der einen Seite eine saubere sichtbare Welt, auf der anderen die Welt des dunklen, kranken und unsichtbaren Rests.</strong></p>
<p>Das Schrecklich daran ist: Wenn man die Formulierungen prüft, dann kommt tatsächlich wieder das Lager vor. Es besteht die Vorstellung, man müsse Menschen in einer umzäunten Umgebung zusammensammeln und dort halten und ordnen, damit sie nicht die eigene Ordnung, die man angestrengt hat, untergraben.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Ist auch das unvermeidbar?</strong></p>
<p>Nein, das halte ich nicht für unvermeidbar. Das muss man politisch bekämpfen, indem man klarmacht, was die Leute da sagen. Die Unerträglichkeit besteht ja darin, dass nur ganz wenige wissen, dass das die Wiederauferstehung einer Art von Lagermentalität ist, von der man nicht geglaubt hat, dass sie noch einmal in Form eines Sachzwangdenkens revitalisierbar ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Vielen Dank für das Gespräch</strong></p>
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