<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Markus Deisenberger - Texte &#38; Musikmanagement &#187; Politik</title>
	<atom:link href="http://www.deisenberger.com/?cat=11&#038;feed=rss2" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.deisenberger.com</link>
	<description>Ein weiterer WordPress-Blog</description>
	<lastBuildDate>Sun, 24 Mar 2019 10:16:15 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=4.1.41</generator>
	<item>
		<title>Ins Herz der Krise</title>
		<link>http://www.deisenberger.com/?p=253</link>
		<comments>http://www.deisenberger.com/?p=253#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 14 Feb 2018 12:48:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Deisenberger]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Klassik]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Theater]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.deisenberger.com/?p=253</guid>
		<description><![CDATA[<p><img width="207" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/sellars_peter_1-207x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="sellars_peter_1" /></p>"Dier Künste des Krieges haben einen Stillstand erreicht, weil sie so ineffektiv sind und wir nicht einen Konflikt durch Krieg lösen konnten."]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="207" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/sellars_peter_1-207x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="sellars_peter_1" /></p><p><em>Was tun, wenn man das Angebot erhält, auf Trumps Inauguration zu spielen? Schlägt man das Angebot aus oder nutzt man die Situation für die eigene Botschaft? Mozart entschied bei der Krönung Kaiser Leopold II. zum König von Böhmen für letzteres und lieferte mit seiner Oper &#8222;La Clemeza di Tito&#8220; einen letzten revolutionären Akt oder &#8211; wie die Kaiserin anlässlich der Uraufführung gesagt haben soll &#8211; &#8222;una porcheria tedesca&#8220; (eine deutsche Schweinerei).</em></p>
<p><em><strong>Starregisseur Peter Sellars </strong>über den Provokateur Mozart, das Ende der Kriegskunst und die große Dosis Wahrheit, die unsere Gesellschaft braucht.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Für jedes absolutistische Regime war die Todesstrafe <em>das</em> Instrument für ihren Machterhalt. Und dann kommt da ein Komponist mit einer Krönungsoper, die Vergebung statt Vergeltung zelebriert. Das muss sich für die herrschenden Klasse wie ein Schlag ins Gesicht angefühlt haben. Wie provokant war &#8222;La Clemenca&#8220;. Wie provokativ war sie gemeint?</strong></p>
<p>Das ist eine schon im römischen Kontext komplexe Geschichte. Denken Sie an Senecas Abhandlung über Vergebung, geschrieben für seinen Schüler Nero. Oder Julius Cäsar, der die erste Person war, die Vergebung zu einem richtigen Programm machte und folgerichtig einem Attentat zum Opfer fiel. In Mozarts Fall befinden wir uns mitten in der Französischen Revolution: Der gewaltsame Umsturz der alten Machtverhältnisse ist ein paar Monate alt und kulminiert in einem Blutbad.</p>
<p>Das lässt sich durchaus mit der Situation vergleichen, in der sich die USA und Europa gerade befinden. Man fühlt sich durch terroristische Attacken bedroht. Aber wie reagiert man auf den Terrorismus? Und auf einer höheren Ebene gefragt: Wer sind diese Leute, die einen attackieren? Was hoffen sie damit zu bewirken und natürlich: Wer ist in unserer heutigen Welt tatsächlich bedroht? Das sind die wirklich wichtigen Fragen &#8211; heute, im alten Rom und zu Mozarts Zeit. Also ja, das ist ein sehr seltsames Geschenk für eine Krönung, weile es wirklich alles problematisiert und auch bereits das Ende des Regimes erahnen lässt. Allein die Idee, das Publikum in die Pause zu schicken, nachdem der Herrscher gemeuchelt wurde und das Kapitol in Flammen steht. (lacht) &#8222;Ladies and Gentelemen, bitte genießen Sie jetzt Ihre Cocktails!&#8220; Das ist natürlich extrem provokant.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Es gibt dieses Klischee über die Opera Seria, wonach sie hauptsächlich dazu diene, dem herrschenden Diktator zu huldigen. Würden Sie sagen, in &#8222;La Clemenca di Tito&#8220; ist das genaue Gegenteil der Fall?</strong></p>
<p>Ja, würde ich. Die großen Komponisten der Opera Seria legten den Finger immer in die Wunde, gingen ins Herz der Krise. Die meisten dieser Opern sind auch sehr ernst, schließlich geht es &#8211; woran uns Herr Trump gerade erinnert &#8211; um Leben- und Tod-Fragen für Millionen von Menschen. Was ist eine kleine privilegierte Unterhaltung, wie wir sie gerade führen &#8211; gegen die Millionen von Menschen, die in meinem Land in ständiger Angst leben?</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Sie meinen jene Familien, die durch willkürliche Abschiebungen auseinandergerissen werden?</strong></p>
<p>Genau die. Normale und feine Menschen. Diese muslimischen oder mexikanischen Familien leben jede Minute ihres Tages in Angst. Diese Konsequenzen meine ich.</p>
<p>Die Opera Seria wurde erfunden, um die tiefen emotionalen Zustände hinter einem Dekret oder einem Edikt zu untersuchen. Eine politische Geste ist ja nie nur politisch, sondern sie hat immer tiefste Konsequenzen im Gefühlsleben der Menschen. Die Opera Seria wurde erfunden, um diesen emotionalen Raum zu betreten und die Illusion, es handle sich um eine rein politische Debatte, zu beleuchten. In den langen Arien für Vitella und Titus führt uns Schritt für Schritt zur Erkenntnis, dass es bald keine Blumen und keinen Luxus, wie ihn die Macht einmal kannte, mehr geben wird. Dass Autokratie keine Zukunft hat, in Wirklichkeit nie hatte und etwas anderes erfunden werden muss.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Mozart &#8211; ein überzeugter Europäer und Demokrat, der uns lehren will, wie wir mit Krisen umzugehen haben?</strong></p>
<p>Mozart gehört einer aufgeklärten Generation an, die weiß, was es bedeutet europäisch zu sein, Prinzipien der beginnenden Demokratie in sich zu tragen und zu verstehen, dass alle Teile des Systems in Balance und Kommunikation zueinander sein müssen</p>
<p>Als US-Amerikaner bin mir sehr bewusst, dass George W. Bush nach den Ereignissen von 9/11 eine Serie von Kriegen gegen Terror begonnen, die nie und nimmer gewonnen werden können.</p>
<p>Diese Mozartoper bietet die Gelegenheit, diese Situation noch einmal zu untersuchen &#8211; und zwar ohne das Licht reißerischer Überschriften. Ich hoffe, dass Europa keinen der Fehler, die mein Land nach 9/11 begangen hat, wiederholt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Wie stehen die Chancen?</strong></p>
<p>Ich bin sehr bewegt davon, wie Berlin auf die Anschläge beim Weihnachtsmarkt reagiert hat.</p>
<p>Man hat eben nicht überreagiert, sondern an seiner Ausgeglichenheit und den eigenen Prinzipien festgehalten. Die Ereignisse von Paris und Brüssel aber werfen die Frage auf, die Europa in Zukunft am meisten beschäftigen wird: Führt das alles zu einem &#8222;Backlash&#8220; oder macht es den Weg frei in eine offenere, integrativere und engagiertere Gesellschaft ?</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Ist die Vergebung, die Mozart propagiert, etwas, das weit über die demokratischen Prinzipien hinausgeht?</strong></p>
<p>Es ist das Prinzip der Menschlichkeit. Denn natürlich ist es schwer jemandem zu vergeben, der versucht hat einen umzubringen. Das ist nichts, wo sich leichtfertig sagen lässt: &#8222;Ach, vergessen wir´s einfach.&#8220; So etwas kann man nicht vergessen, und das Vergessen ist auch nicht das Problem. Sich damit zu beschäftigen, ist das Problem. Denn jemand, der dich umbringen will, hat einen Grund. Die Frage ist also: Kann ich mich mit den Gründen beschäftigen? Kann ich hinter den Gewaltakt auf das Leben schauen, das zu diesem Gewaltakt geführt hat? Und können wir daraus etwas formen, das aus gegenseitigem Verständnis und gegenseitiger Anerkennung besteht.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Ein Journalist, der seine Frau bei den Anschlägen von Paris seine Frau verlor, hat einen Brief geschrieben, der später zum Buch mit dem Titel &#8222;Meinen Hass bekommt ihr nicht&#8220; wurde &#8211; auch eine fast unbegreifliche Großzügigkeit. Sehen Sie, was die Dimension des Vergebens anbelangt, Parallelen zu &#8222;la Clemenca&#8220;?</strong></p>
<p>Vergebung ist Mozarts Projekt innerhalb der Oper. es gibt nicht eine, die nicht davon handeln würde, wie man Dinge vergibt, wegen derer Leute beschämt sind oder mit denen sie sich oder ihre Nächsten wirklich beschädigt haben. Sie handeln alle davon.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Wie große ist die Gefahr, in der sich der Humanismus aktuell befindet?</strong></p>
<p>In meinem Land sieht man, wie verhärtet die Menschen teilweise sind, und der &#8222;Backlash&#8220; entpuppt sich als totale Katastrophe. Der kann nie die Antwort sein. Wie soll eine einmarschierende Armee Frieden bringen? Jedes Mal, wenn du ein muslimisches Dorf mit einer Drohne bombardierst, erzeugst du drei Generationen von Leuten, die dich dafür hassen.</p>
<p>Das Problem ist &#8211; und das zeigt sich ganz gut an der US-amerikanischen Außenpolitik der letzten Jahre &#8211; dass die einzige Antwort auf Gewalt die ist, noch mehr Gewalt anzuwenden. Die Künste des Krieges haben einen Stillstand erreicht, weil sie so ineffektiv sind und wir nicht einen Konflikt durch Krieg lösen konnten. Die Zeit ist gekommen, sich mit den Künsten des Friedens zu beschäftigen. Und wenn wir Künste sagen, dass meinen wir damit etwas, das Fähigkeiten verlangt, echte Zuwendung, Aufmerksamkeit, etwas, das unfassbare Fokussierung und Konzentration braucht und Einsicht. All das assoziieren wir mit Kunst.</p>
<p>Und all das war auch der Grund, weshalb Mozart so etwas Gestriges</p>
<p>wie die Opera Seria, die damals viele für ein Relikt vergangener Zeiten hielten, dafür verwendet hat, um das zu tun, was schon Händel, den er sehr bewunderte, getan hat.</p>
<p>In den großen Da Capo Arien nämlich zu zeigen, wie viel inneres Leben hinter den Entscheidungen dahinter und auf dem Spiel steht und wie sehr</p>
<p>Für mich ist es die Möglichkeit, eine europäische Krise mit dem Gedankengut eines der größten europäischen Denker zu konfrontieren: Mozart</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Sehen Sie la Clemenca als didaktisches Stück über Macht und Ohnmacht</strong></p>
<p>Man wird sehr leicht an Leute wie Havel oder Mandela erinnert, die auf diesem Planeten eine neue Art von Regentschaft etabliert haben. Das &#8222;Truth and Reconciliation&#8220; stammt von Mozart. Und genau das brauchen wir auch jetzt wieder. Zuallererst braucht es eine große Dosis Wahrheit, weil es so unfassbar viel gibt, was von vielen Seiten nicht zugegeben wird. Der erste Schritt wäre, mit diesen vielen Wahrheiten ans Licht zu kommen, um sie auch in Relation zueinander zu verstehen. Das ist ja auch die Basis der Sonate Wiener Stils: Einander widersprechende Ideen zu nehmen und sie aufeinander abzustimmen. Dass ist das Herz von Mozart, Haydn und Beethovens musikalischer Sprache und das ist auch das Projekt, dem sich unsere Gesellschaft gegenübersieht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Mozart starb nur zwei Wochen nach der Uraufführung von &#8222;La Clemenza&#8220;. Spielt die Vorahnung des eigenen Todes eine Rolle?</strong></p>
<p>Eine große sogar. Als Mozart die Musik zu &#8222;La Clemenca&#8220; komponierte, wusste er, dass sein Leben bald zu Ende sein würde. Er arbeitete daran mit seinem buchstäblich letzten Atem. und es ist kein Zufall, dass das Stück nicht wirklich endet. Es stoppt. Der finale Akt ist um das Wort &#8222;Troncate&#8220; gestrickt. &#8222;Schneidet mein Leben ab, schneidet es ab&#8220; wird abwechselnd von Titus und dann dem Chor immer und immer wieder wiederholt. La Clamenca ist wie andere letzte Arbeiten Mozarts auch ein spirituelle Dokument.</p>
<p>Aber natürlich ist es auch ein Schock, wenn Titus einen Schritt auf das Publikum zumacht, und in diesem Mandelaschen Sinne sagt, dass er nicht mehr Präsident sein wolle. &#8222;Ich will Wahlen&#8220;, sagt er, &#8222;und ich will, dass ihr die Dinge in einem Sinne weiterentwickelt, zu dem ich nicht fähig bin. Das ist für mich ganz klar eine große Geste und auch der Grund, weshalb Mozart den Auftrag für die Oper angenommen hat.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Denken Sie, das war der letzte revolutionäre Akt: Dazu aufzurufen, nicht nach Vergeltung zu schreien, sondern innezuhalten, zu überlegen und dann zu vergeben?</strong></p>
<p>Ja, und die monströsen Menschen, die einen umgeben, nicht einfach zu hassen, sondern ihre Psychosen und Verletzungen zu sehen. Das ist das wahrhaft Revolutionäre im Sinne einer Menschlichkeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Dieser Moment, in dem Titus realisiert, dass er auch das Unverzeihliche verzeihen muss. Sehen Sie das als die Schlüsselszene der Oper?</strong></p>
<p>Ja, das ist sehr stark. Wenn er realisiert, dass er und die Monarchie nicht mehr länger aufrechtzuerhalten sind, und dass es falsch wäre, Leute zu töten, Bomben zu werfen oder das Kapitol anzuzünden. Dass sich auch etwas nach vorne bewegen muss in der Geschichte und dass sich die Jugend, wenn man ihr das nicht friedlich zubilligt, wohl einen kriegerischen Weg suchen wird. Was die letzten Szenen so stark macht, ist einerseits die Vergebung, andererseits aber auch die Einsicht, dass das Problem mit einem selbst zu tun hat, was Titus so natürlich nicht erwartet hat.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Wenn man diesen Akt der Vergebung in einer Welt zu propagieren versucht, die exakt das Gegenteil, nämlich Hass und Vergeltung, predigt &#8211; macht einen das nicht zu einem der einsamsten Menschen auf diesem Planeten?</strong></p>
<p>Ja, das macht ihn in der Tat einsam. ich glaube, dass das aber auch viel mit Mozart selbst zu tun hat, mit dem Umstand, dass Constanze ihn verlassen und mit Süßmayer etwas angefangen hat. Wir wissen nicht, was genau zwischen ihm und Konstanze ablief, aber klar ist, dass ihm die Frau, die er so liebte, eine Menge unerträglicher Schmerz zufügte. Was auch immer sie voneinander trennte, die Oper zeichnet ein sehr intensives Portrait dieser beiden verzweifelten Menschen: Titus auf der einen und Vitalia auf der anderen</p>
<p>Vitalia hat ganz klar ihre Gründe, weshalb sie verletzt hat und das Gefühl, nicht gut behandelt worden zu sein.Und da geht Mozart sehr ins Detail, um das Po rtrait einer Frau zu entwerfen, die fühlt nicht gut behandelt worden zu sein und den Mann, von dem sie denkt, dass er sie nicht gut behandelt hat, verletzen will. Die Oper geht da so ins Detail, dass man es nicht leugnen kann, dass Mozart das sehr persönlich genommen hat. Mozarts Schmerz und sein Bewusstsein dafür sind sehr ergreifend. Die beiden Portraits haben beide sehr viel mit Einsamkeit zu tun. Es geht um zwei Menschen, die eine Beziehung hätten haben können. Jetzt stirbt der eine und Suessmayer kann kommen, seine Werke vollenden und der Partner seiner Frau werden.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Frage</strong></p>
<p>Titus war nicht einfach ein Opernprojekt. Es ging weit über Oper hinaus und ich glaube das war etwas, was von der Opernwelt damals nicht verstanden werden konnte.</p>
<p>Genau wie Idomeneo Titus ist &#8222;La Clemenca&#8220; nicht fertig geworden. Und obwohl sich so viele tolle Dinge darin finden, ist es ein Fragment geblieben. Man muss die Oper betrachten und sich vor Augen führen, was Mozart damit erreichen wollte, obwohl er von vorneherein nicht die Bedingungen hatte, es zu erreichen.</p>
<p>Wie bei Idomeneo, dessen dritter Akt de facto länger als Mahlers dritte Symphonie ist, wie Simon Rattle einmal richtig anmerkte, als wir Idomeneo gemeinsam machten,</p>
<p>Der Ehrgeiz war enorm. Man muss diese Arbeiten Mozarts immer mit dem Ziel, das er vor Augen hatte, kontextualisieren. Wonach Mozart suchte war etwas, das die Oper kaum verstehen konnte. Die Frage ist also immer, was wollte Mozart damit erreichen, woran scheiterte er, weil die Ambitionen so hochgesteckt waren, und kölnnen wir irgendetwas dazu beitragen, das Stück etwas näher an diese Welt, die er vor Augen hatte, heranzuführen.</p>
<p><strong> </strong></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.deisenberger.com/?feed=rss2&#038;p=253</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>&#8222;Nicht am Mainstream orientieren!&#8220;</title>
		<link>http://www.deisenberger.com/?p=250</link>
		<comments>http://www.deisenberger.com/?p=250#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 14 Feb 2018 12:42:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Deisenberger]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.deisenberger.com/?p=250</guid>
		<description><![CDATA[<p><img width="300" height="200" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/VS_2017_04_KonradPaulLiessmann-22-300x200.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="VS_2017_04_KonradPaulLiessmann" /></p>Der Philosoph Konrad Paul Liessmann gilt als streitbarer Kritiker unseres Bildungssystems. In seinem aktuellen Buch &#8222;Bildung als Provokation&#8220; greift er einmal mehr die so genannten Bildungsexperten an und redet Klartext. Ein Gespräch über kompetenzorientierte Lehrpläne, moralische Sensibilität und eine Gelassenheit, die uns allen guttäte.   Wie bildungsfeindlich ist unser Bildungssystem, dass Bildung als &#8222;provokant&#8220; aufgefasst [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="300" height="200" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/VS_2017_04_KonradPaulLiessmann-22-300x200.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="VS_2017_04_KonradPaulLiessmann" /></p><p><em>Der Philosoph Konrad Paul Liessmann gilt als streitbarer Kritiker unseres Bildungssystems. In seinem aktuellen Buch &#8222;Bildung als Provokation&#8220; greift er einmal mehr die so genannten Bildungsexperten an und redet Klartext. Ein Gespräch über kompetenzorientierte Lehrpläne, moralische Sensibilität</em><em> und eine Gelassenheit, die uns allen guttäte.</em></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Wie bildungsfeindlich ist unser Bildungssystem, dass Bildung als &#8222;provokant&#8220; aufgefasst werden?</strong></p>
<p>Forscher sprechen von bis zu 25% sekundären Analphabeten unter den 15jährigen. Das heißt, unsere Schulsysteme schaffen es nicht, in neun Jahren Schreiben und Lesen beizubringen. Wenn das nicht bildungsfeindlich ist, was dann? Auf der anderen Seite erleben wir in den letzten Jahren eine Neuordnung der Bildungssysteme, die unter dem Stichwort &#8222;Kompetenzorientierung&#8220; vollzogen wurde. Es wurden alle Lehrpläne kompetenzorientiert umgeschrieben &#8211; und das halte ich für extrem bildungsfeindlich, weil es nur noch um das Schulen von formalen Fähigkeiten geht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Neulich wurde ich mit dem Faktum konfrontiert, dass unter 20jährige einen äußerst pragmatischen Zugang zur Musik pflegen. Es gibt kaum noch absichtsloses Hören, das sich selbst genügt. Deckt sich dieser neue Pragmatismus mit Ihren Ergebnissen, was die Bildung anbelangt?</strong></p>
<p>Das könnte man durchaus so formulieren. Musik war immer in hohem Maße an unmittelbaren Bedürfnissen und sozialen Praktiken orientiert. Aber in der europäischen Kultur hat sich eine bestimmte Form der Musik und auch des Komponierens und Hörens herausgebildet, die sich von religiösen Kontexten und weltlichen Veranstaltungen emanzipiert hat. Das Wesen und der Wert der Musik liegt nur in ihr selbst. Zu einer Idee von Bildung gehört es nun, sich genau mit diesen großen Errungenschaften europäischer Kultur auseinanderzusetzen. Und das verlieren wir allmählich. Heute wird alles, was nicht zur Lösung oder Erhellung eines unmittelbaren Lebensproblems dienlich erscheint, aus der Bildung eliminiert. Das halte ich für abstrus, denn alle Fortschritte unserer Kultur, unserer Zivilisation, auch unserer Technik beruhen darauf, dass Menschen nicht immer nur bedarfsorientiert gedacht und gehandelt haben, sondern Phantasie hatten und eigenwillig an Dingen festhielten, von denen viele sagten, sie hätten keinen Sinn. Ohne diese Formen von Eigenwilligkeit und Eigenständigkeit hätten wir eine Gesellschaft, der all das abgeht, was wir für eine Errungenschaft und wichtig halten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>In Ihrem Buch kritisieren Sie eine Vermittlung von Wissen, die sich nicht mehr an der Sache, sondern an der Entwicklung des einzelnen im Rahmen seiner Möglichkeiten orientiert. Wenn ich mich nicht am einzelnen orientieren soll, aber auch nicht am Bedarf, woran soll ich mich dann orientieren?</strong></p>
<p>Wir haben das Problem, dass wir von der Bildung immer alles erwarten. Sie soll auf der einen Seite dem einzelnen die Möglichkeit bieten, sich zu entfalten. Leistungen werden dann nicht an bestimmten Standards gemessen werden, sondern nur so weit der einzelne sich angestrengt hat. Damit verlieren Leistungsnachweise ihre Bedeutung, weil eine Note nur noch Auskunft darüber gibt, wie sehr ein Individuum imstande war sich anzustrengen. Andererseits wird Bildung knallhart als eine Möglichkeit gesehen, den einzelnen mit Qualifikationen auszustatten, die ihm einen Job verschaffen, eine Karriere und ein gutes Einkommen sichern sollen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Wo liegt Ihre persönliche Präferenz?</strong></p>
<p>Bildung hatte immer beide Aspekte in sich vereint. Aber man muss den Mut haben, bestimmte Inhalte und Mindeststandards zu definieren, von denen man glaubt, dass sie ein Mensch, der einen Bildungsanspruch hat, wissen sollte. Bildung soll sich nicht nur an außen gesteuerten Zwecken, d.h. dem, was Universitäten und Arbeitsmärkte wollen orientieren. Bildung ist immer ein wesentliches Element in der Bildung eines Charakters, einer Haltung und der Bildung des Menschen als politisches Subjekt, als Mitglied einer Gesellschaft gewesen. Und Bildung hat natürlich auch mit der Bildung von moralischer Sensibilität zu tun.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Das akademische Gymnasium feiert heuer 400-jähriges Jubiläum. Macht es überhaupt noch Sinn, seinen Kindern humanistische Werte zu vermitteln oder ist man mit solchen Idealen in einer Welt der Trumps und Erdogans auf verlorenem Posten?</strong></p>
<p>Bis zu einem gewissen Grad waren bestimmte Ziele humanistischer Erziehung immer Minderheitenprogramme und in gewisser Art und Weise immer unzeitgemäß. Darüber muss man sich im Klaren sein. Zum Wesen einer anspruchsvollen Bildung gehört es meiner Meinung nach aber, sich nicht am Mainstream zu orientieren und nicht dem kulturindustriell erzeugten Massengeschmack zu folgen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Wenn man sich den letzten Wahlkampf ansieht, war Asyl das alles bestimmende Thema. Über Bildung wurde wenig bis gar nicht gesprochen. Warum?</strong></p>
<p>Das hat gute Gründe. Auf der einen Seite ist Bildung etwas, was nicht mehr definiert wird. Andererseits werden sie keinen Politiker treffen, der sich nicht zur Bildung bekennt. Ganz im Gegenteil: Jeder meint, da gehe es um die Zukunft unserer Kinder, um die Zukunft der Gesellschaft und Investitionen in den Bildungsbereich seien die wichtigsten überhaupt. Aber, weil eben Bildung eine Leerformel ist, die für alles und nichts eingesetzt werden kann, wird sie, wenn es konkret wird, einfach vernachlässigt. Sie spielt in Wahlkämpfen, Koalitionsverhandlungen und der Vergabe von Ministerien eine Nullrolle. Das, was interessant wäre, wären inhaltliche Fragen. Darüber zu diskutieren, was tatsächlich gelehrt werden soll. Was soll vermittelt werden? Was sind die Grundkenntnisse, die junge Menschen benötigen, um sich zurechtzufinden. Da aber zucken wir zurück.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Gehen wir zur Lohnarbeit und ihrer allmählichen Ablösung: Mittelfristig werden nicht nur Busfahrer und Kassierer, sondern auch Journalisten wie ich um ihre Jobs bangen müssen, schreiben Sie. Wie bereitet man die Kinder darauf vor?</strong></p>
<p>Wenn viele spezialisierte Berufe wegfallen, weil sie automatisierbar sind, kann die Botschaft nur sein: Spezialisiert euch so spät wie möglich. Wie sinnvoll kann es sein, einen fünfzehn- oder sechzehnjährigen auf eine bestimmte Art von Digitaltechnologie auszubilden, wenn sie in fünf Jahren überholt sein wird. Je mehr an allgemeinem Orientierungs- und Grundlagenwissen vorhanden ist, das nicht so schnell veraltet, desto besser. Die Grundgesetze der Mathematik werden auch in hundert Jahren noch gelten. Die Grundgesetze der Digitalisierung, egal wie sie technisch realisiert wird, ebenso. Niemand, der heute die Gerechtigkeitskonzeptionen von Aristoteles studiert, wird damit in zehn Jahren veraltet sein. Und Eifersuchtskonflikte gibt es auch im Zeitalter von Tinder. Den Werther zu lesen kann also auch nie schaden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Demgegenüber schreiben Sie: &#8222;Eine Schule, die deren Möglichkeit bestreitet und rigide blockiert, indem sie jedes Stück Literatur, das in ihr noch vorkomme, auf seine Kompetenzstrategische Verwertbarkeit befragt, ist barbarisch.&#8220; Ist das der Status Quo?</strong></p>
<p>Das ist das, wo die Bildungsplaner hinwollen. Dass es noch nicht realisiert ist, liegt einzig und allein daran, dass wir noch genug Lehrer haben, die imstande sind, ihre Schüler für Literatur zu begeistern. Aber sie müssten es aufgrund des Lehrplanes gar nicht mehr tun. Es genügt, wenn sie die Kronenzeitung lesen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Christian Ortner hat ein Buch mit dem Titel &#8222;Prolokratie&#8220; geschrieben. Es gäbe zu viele Jennifers und Kevins auf dieser Welt, daher wäre die Demokratie als solche nicht mehr zielführend, eine Expertenregierung weit sinnvoller. Man möchte ihm entgegenschreien, dass wir doch versuchen müssten, die Jennifers und Kevins in die Lage versetzen eine wirklich reflektierte Entscheidung zu treffen. Jetzt sagen Sie, auch Bildung sei kein Allheilmittel. Wie kommt man aus dem Dilemma?</strong></p>
<p>Indem man sich auf die Grundprinzipien der Demokratie besinnt, die besagen, dass ein Bürger deshalb Bürger ist und mitbestimmen soll, weil er Teilhaber der Gesellschaft ist, und nicht weil er einen bestimmten Intelligenzquotienten aufweist oder ein bestimmtes Bildungssystem durchlaufen hat. Er darf partizipieren, weil er in dieser Gesellschaft lebt und sich zu dieser Gesellschaft bekennt. Dass das Wahlverhalten mitunter eines ist, dass man selbst missbilligt, gehört zum Wesen einer Demokratie.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>&#8222;Bildung hat auch mit dem Einüben einer Gelassenheit zu tun&#8220;, sagen Sie. Müssen wir alle gelassener werden?</strong></p>
<p>Wenn ich an die hyperventilierenden Extasen unserer Medienlandschaft denke, würde ein bisschen mehr Gelassenheit uns allen nicht schaden. Gerade weil modern soziale Medien die Tendenz haben, sofort hysterisch zu werden, wäre die Einübung von Gelassenheit umso wichtiger.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Die heute landläufige Meinung geht dahin, dass es nicht mehr zeitgemäß sei, Texte wie die Aeneis zu lesen. Was würden Sie einem Experten, der diese Meinung vertritt, entgegenhalten?</strong></p>
<p>Das Problem, das uns die letzten Jahre beschäftigt hat und für die Wahlergebnisse in Deutschland und auch bei uns verantwortlich ist, war die Migration, das Thema der Flüchtlinge, die aus Nordafrika über Italien nach Europa gekommen sind. Das ist genau die  Route, die auch Aeneas genommen hat. Die Aeneis ist ein Epos, das Europa als den Kontinent der Immigranten beschreibt. Schon die alten Römer wussten also, dass es das Märchen einer autochthonen Gesellschaft nicht gibt, sondern dass sie woanders herkamen. Und man muss die Aeneis ja auch nicht als Ganzes und im Original lesen, es genügen Auszüge, und es gibt gute Übersetzungen.</p>
<p><strong>Herr Prof. Liessmann, vielen Dank für das Gespräch.</strong></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.deisenberger.com/?feed=rss2&#038;p=250</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Der Krieg und seine Bilder</title>
		<link>http://www.deisenberger.com/?p=244</link>
		<comments>http://www.deisenberger.com/?p=244#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 15 Apr 2015 10:19:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.deisenberger.com/?p=244</guid>
		<description><![CDATA[<p><img width="196" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Bildschirmfoto-2015-04-15-um-12.14.14-196x300.png" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Bildschirmfoto 2015-04-15 um 12.14.14" /></p>Mehr als drei Jahrzehnte berichtete Friedrich Orter für den ORF aus Krisenregionen. Mit seiner unnachahmlich ruhigen und präzisen Art hat er dabei stets versucht, das Unfassbare in Worte zu fassen. „Ich weiß nicht, warum ich noch lebe“ heiß sein aktuelles Buch nun, in dem er tief in eine von Kriegen und persönliche Verlusten geschundene Seele [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="196" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Bildschirmfoto-2015-04-15-um-12.14.14-196x300.png" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Bildschirmfoto 2015-04-15 um 12.14.14" /></p><p><em>Mehr als drei Jahrzehnte berichtete Friedrich Orter für den ORF aus Krisenregionen. Mit seiner unnachahmlich ruhigen und präzisen Art hat er dabei stets versucht, das Unfassbare in Worte zu fassen. „Ich weiß nicht, warum ich noch lebe“ heiß sein aktuelles Buch nun, in dem er tief in eine von Kriegen und persönliche Verlusten geschundene Seele blicken lässt.<br />
</em></p>
<p><strong>Ihrem neuen Buch ist ein Zitat von Daniel Kahn aus dem Lied „Sunday after the War“ vorangestellt. „After the war, after the War, oh, nothing will be as before“ heißt es da. Inwiefern haben Sie die vierzehn Kriege, in denen Sie waren, verändert?</strong><br />
Der Krieg verschiebt die Werteskala. Das, was wir in unserer von Kriegen verschonten Gesellschaft mitunter als das Wichtigste definieren – Erfolg, Besitz und Sicherheit – und als gegeben hinnehmen, gibt es in vielen Gegenden einfach nicht. Wenn man sieht, dass das, was vermeintliche Sicherheit ist, von einem Tag auf den anderen weg sein kann, wird man demütiger und bescheidener. In Syrien sind Leute auf der Flucht, die nicht aus den ärmsten Verhältnissen kommen. Wenn man das gesehen hat, ist man nicht mehr der, der man früher einmal war. Der Krieg verändert einen. Das gilt für die Opfer, aber auch für diejenigen, die die Opfer beobachten.</p>
<p><strong>Wird man nicht zugleich auch ein wenig intoleranter gegenüber den so genannten „First World-Problems“?</strong><br />
Es erscheint einem vieles nichtiger, ja. Aber auch in unserer Gesellschaft geht es inzwischen ans so genannte „Eingemachte“. Existenzielle Fragen werden dominant, etwa wie man als Mindestrentner oder alleinerziehende Mutter mit Mindestgehalt den morgigen Tag überlebt. Das sind natürlich auch ernste Probleme, aber zumindest ist noch ein gewisses soziales Netz vorhanden. In Syrien ist das nicht so, dort findet ein Zivilisationsbruch statt. Da brechen Dämme. ISIS ist eine Herausforderung an die gesamte Zivilisation, das dringt jetzt langsam auch in das Bewusstsein von uns Mitteleuropäern, die wir oft denken, dass das alles ohnehin weit weg sei. Aber: Das, was ich in Syrien und im Irak abspielt, ist nicht weit weg. Der Terror kommt auch zu uns, und er wird uns noch lange beschäftigen.</p>
<p><strong>Wie viel Not und Elend kann man uns Wohlstandseuropäern zumuten? Sie selbst wurden mit dem Vorwurf: „Wir haben genug von deinen Leichen und die Zuseher auch“ konfrontiert. Hat Sie das nicht wütend gemacht?</strong><br />
Damals hab ich mich schon geärgert, als eine gut geschminkte Moderatorin im sicheren Kammerchen am Küniglberg schnippisch meint, sie könne die Leichen nicht mehr sehen und die Zuschauer auch nicht. Natürlich dachte ich damals auch, warum ich mir das überhaupt antue. Die Rechtfertigung und Genugtuung war aber, dass ich bei dem einen oder anderen vielleicht doch etwas bewirkt habe. Manch einen zum Nachdenken gebracht habe. Es haben nicht alle weggedreht. Das sehe ich auch am Feedback zum letzten Buch.</p>
<p><strong>Sie haben viel gesehen. Ich zitiere: „Nach Urin und Kot stinkende Spitäler, schwarz verbrannte Köpfe, Körper toter Krieger, aus deren Augen Maden krochen, aufgedunsene Leichen, hineingezwängt in Billigsärge&#8230;“ Wird man diese Bilder jemals wieder los?</strong><br />
Los wird man diese Bilder nie, aber man verarbeitet sie, indem man weiß, dass das nur ein Teil unserer so genannten Zivilgesellschaft ist, der in Barbarei ausartet. Ich habe Zeit meines Lebens in der Literatur und in der Kunst Zuflucht gesucht und auch gefunden. Das hat mir den Halt gegeben, weil ich in meinem Glauben bestätigt wurde, dass es neben dem Grausamen eben noch eine andere Welt gibt. Aber „los werden“ kann man es nicht. Aber das, was ich gesehen habe, haben auch andere gesehen: Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen und Hilfsorganisationen wurden mit dem gleichen Elend und den gleichen Grausamkeiten konfrontiert.</p>
<p><strong><em></p>
<blockquote><p>„Im Balkankrieg wurde ich nicht einmal gefragt: „Was? Ihr braucht Bilder? Kein Problem, dann erschießen wir halt ein paar Leute.“</p></blockquote>
<p></em><em><strong></strong></p>
<p><strong>Der Journalist und Aktivist Rupert Neudeck hat einmal auf die Frage, wie er das alles nur alles aushalten könne, geantwortet: Das sei vergleichsweise  einfach. Er besitze ja im Gegensatz zu den Leuten in den Krisenregionen das Privileg, jederzeit wieder in seine wohlbehütete Welt zurückkehren zu können. Klingt wahr, ist aber für jemanden, der an solch einem Ort von Not und Elend überwältigt wird, auch reichlich abstrakt, oder?</strong><br />
Nein, ich nenne das auch immer Privileg, denn die Möglichkeit der Rückkehr ist ein solches. Vorausgesetzt freilich, man hat überlebt. Nicht wenigen Kollegen war dieses Privileg nicht vergönnt. Und wir arbeiten vor Ort immer mit lokalen Mitarbeitern zusammen, weil uns Westlern ja gar nicht möglich ist, in gewisse Regionen vorzudringen. Wenn mir mein Mitarbeiter in Bagdad dann erzählt, dass er morgens unter seinem Haustür eine Nachricht fand, auf der stand:  „Wir wissen, dass du mit denen zusammen arbeitest. Heute kriegst du einen Brief, das nächste Mal eine Kugel“ , stellt sich auch die Frage, inwieweit man überhaupt noch mit so jemandem weiter zusammenarbeiten kann, ohne sein Leben zu gefährden. Das Privileg ist also ein zweischneidiges Schwert.</p>
<p><strong>Im Buch sagen Sie: „Die einzige Rechtfertigung für dieser Arbeit ist die Wahrhaftigkeit der Berichterstattung als Ausdruck des Respekts.“ Gab es Momente, in denen Ihnen diese Wahrhaftigkeit abhanden kam?</strong><br />
Wenn sie als Reporter Flüchtlinge, Opfer und Vergewaltigte filmen, müssen sie sich klar sein, dass sie auch manipuliert werden. Die Aussagen lassen sich ja ad hoc nicht überprüfen. Ich habe meinen Kameramann nicht selten gefragt: „Glaubst du das, was uns da erzählt wird?“ Genau da liegen die Grenzen der Wahrhaftigkeit der Berichterstattung.<br />
Man muss auch vielen lokalen Mitarbeitern vertrauen, die man braucht, weil man als Westler gar nicht überall hinkommt. Dem, was dir dieser Mitarbeiter bringt, musst du glauben. Das ist eine Schwäche, mit der man leben muss. Im Irak sind übrigens Hunderte solcher Berichterstatter ums Leben gekommen, von denen kein Medium bei uns berichtet. Wer erinnert sich an einen Kameramann Valid Khaled, der von den Amerikanern erschossen wurde? Einer unter vielen&#8230; </p>
<p><strong>Ihr deutscher Kollege Volker Schwenck hat IS-Kämpfer, die ihm gefesselt mit verbundenen Augen vorgeführt wurden, interviewt, was medial einen Sturm der Entrüstung nach sich zog. Wie groß ist die Gefahr, dass man solche Grenzen – den journalistischen Scoop vor Augen – nicht mehr wahrnimmt?</strong><br />
Etwas derartiges habe ich nie gemacht. Ich habe zwar auch in Gefangenenlagern gedreht, aber nicht aus der Perspektive, aus der die Täter das wollten. Ich wollte damit zeigen, dass Menschen zu Unrecht festgehalten wurden. </p>
<p><strong>Konkret?</strong><br />
Im Jugoslawienkrieg einmal, als Kroaten serbische Zivilisten interniert hatten. Da habe ich die gedemütigten Serben gefilmt – auch um zu zeigen, dass dieses Schwarz-Weiß-Schema einfach nicht stimmt. Das waren keine Kriegsverbrecher, sondern Zivilisten. Im Balkankrieg wurde ich nicht einmal gefragt: „Was? Ihr braucht Bilder? Kein Problem, dann erschießen wir halt ein paar Leute.</p>
<p><strong>Seit Herbst 2013 haben Sie sich offiziell „zur Ruhe“ gesetzt. Kommt man mit solch einem Beruf überhaupt „zur Ruhe“? Sie lassen an einigen Stellen des Buches anklingen, dass es vielfach Beziehungen und Freundschaften gibt, die es aufrecht zu erhalten gilt&#8230;</strong><br />
Natürlich geht das nicht. Nur: Ich muss nichts mehr müssen, das ist der Unterschied. Oder anders gesagt: Ich beziehe zwar eine Pension, aber ich bin nicht in Pension. Zu meinem Producer in Bagdad pflege ich immer noch intensiven Kontakt und ich möchte auch bald wieder hinfahren. Das geht aber nur, wenn er das entsprechend vorbereitet. Dort wartet niemand auf mich.</p>
<p><strong>Wie bekommen wir das Problem mit dem IS in den Griff?</strong><br />
Wenn dem IS-Staat sein Geld ausgeht und er seine Soldaten nicht mehr bezahlen kann.</p>
<p><strong>Das wird so bald nicht der Fall sein, oder?</strong><br />
Wenn man ihre Rückwege in die Türkei und den Iran bombardiert, schon. Dann aber, und wenn sie ihre Territorien nicht mehr halten könne, werden sie den Terror exportieren. </p>
<p><strong>Und ihr primäres Ziel, ein Kalifat zu erschaffen? </strong><br />
Das werden Sie aufgeben und das Al Quaida-Konzept übernehmen. Die Strategie ändert sich, die Taktik nicht. Wenn sie etwas in Syrien verlieren, werden sie dafür im Jemen und in Libyen Fronten eröffnen und den Terror nach Europa tragen. Das ist die aktuelle Gefahr. Krieg gegen Terror kann man nicht führen. Das ist wie mit der Malaria: Wenn sie Malaria besiegen wollen, müssen sie nicht die Mücke ausrotten, das reicht nicht. Sie müsse die Sümpfe trocken legen.</p>
<p><strong>Hat Sie das, was Sie erlebt haben, jemals desillusioniert?</strong><br />
Nein, es hat mich realistisch werden lassen. Wenn man als junger Mensch mit Sympathien für die Bürgerrechtsbewegung in den USA aufgewachsen ist, gegen den Vietnamkrieg und gegen den Schah von Persien demonstriert hat – was nachher kam, wissen wir – an unzähligen Friedenskonferenzen teilgenommen hat, wo die Gescheitesten und Engagiertesten sprachen und hunderttausende Tonnen Papier an Vorstellungen produziert wurden, hat man eines gelernt: Die Menschheit weiß, wie man Krieg verhindern kann. Man weiß, wie es geht. </p>
<p><strong>Und warum tut er es dann nicht?</strong><br />
Letztlich glaube ich, dass der Mensch so programmiert ist, dass ihn seine Gene fernsteuern. Der Homo Sapiens hätte nie überlebt, hätte er nicht dreihundert Arten ausgerottet.</p>
<p>Vielen Dank für das Gespräch.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.deisenberger.com/?feed=rss2&#038;p=244</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die Kunst zu überleben</title>
		<link>http://www.deisenberger.com/?p=204</link>
		<comments>http://www.deisenberger.com/?p=204#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 08 Feb 2015 09:51:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.deisenberger.com/?p=204</guid>
		<description><![CDATA[<p><img width="300" height="218" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Bildschirmfoto-2015-02-08-um-10.49.57-300x218.png" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Bildschirmfoto 2015-02-08 um 10.49.57" /></p>Marko Feingold hat das Unfassbare erlebt und über das Unbeschreibliche ein Buch geschrieben. Feigold war nicht nur der erste Österreicher in Auschwitz – zu einer Zeit, als es noch keine Gaskammern gab, sondern man die Häftlinge, wenn sie zu schwach zum Arbeiten waren, mit bloßen Händen erschlug – er war auch Häftling in Neuengamme, Dachau [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="300" height="218" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Bildschirmfoto-2015-02-08-um-10.49.57-300x218.png" class="attachment-medium wp-post-image" alt="Bildschirmfoto 2015-02-08 um 10.49.57" /></p><p><em>Marko Feingold hat das Unfassbare erlebt und über das Unbeschreibliche ein Buch geschrieben. Feigold war nicht nur der erste Österreicher in Auschwitz – zu einer Zeit, als es noch keine Gaskammern gab, sondern man die Häftlinge, wenn sie zu schwach zum Arbeiten waren, mit bloßen Händen erschlug – er war auch Häftling in Neuengamme, Dachau und Buchenwald. Seine Autobiographie, die soeben in ihrer zweiten Auflage erschien, erzählt, was er dort an unmenschlicher Grausamkeit über sich ergehen lassen musste, wie man solch eine Tortur überleben kann und vor allem: wie man danach weiter lebt.<br />
</em></p>
<p>Das im nüchternen Interviewstil gehaltene Buch ist vielleicht kein literarisches Großereignis, ein menschliches Großereignis ist es allemal. Denn obwohl die ganze Menschlichkeit, wie Feingold schreibt, im KZ-Alltag verloren ging, hat sich Marko Feingold seine bewahrt. Und seinen Humor. Trotz all der Tragik nämlich weist Feingolds Autobiographie auch zahlreiche wirklich komische Episoden auf – etwa die, als er um ein Haar in der polnischen Armee gelandet wäre; oder lakonische Betrachtungen, die die ganze Absurdität der NS-Logik offenlegen – etwa wenn er sich fragt, wieso die Juden eigentlich, obwohl sie doch angeblich so leicht an ihrer Physiognomie erkennbar waren, eine Stern tragen mussten.<br />
Den Buchtitel „Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh“ erklärt der Schoah-Überlebende so: Als Maurerlehrling wurde er 1943 in Buchenwald von einem Vorarbeiter gemeinsam mit einem anderen Häftling zu einem Holzhaus geschickt, wo die beiden, so hieß es,  einen Betonboden verlegen sollten. Dort mit Mörtel und Zement angekommen, traute Feingold seinen Augen nicht. In der Hütte stapelten sich die Leichen meterhoch. „Warum glotzt ihr so?“ wurden sie, als sie ungläubig dort standen, angebrüllt. „Nehmt die Leichen und schlichtet sie in die Ecke. Denen tut nichts mehr weh!“ Was damals so neu, so unglaublich war, sollte bald Alltag werden: Als „harmloser Häftling“, erzählt Feingold, habe er wohl mehr Leichen gesehen als ein Leichenträger am Friedhof sein ganzes Leben lang.<br />
Der Titel des Buches aber lässt sich freilich auch anders verstehen, als  Lebensmotto nämlich, denn auch Feingold selbst, so scheint es, ist im Zuge seiner Zeit im KZ mehrfach gestorben und wurde mehrfach wiedergeboren: Eine dieser Wiedergeburten, schildert er eindrücklich, passierte auf der Überstellung von Neuengamme nach Dachau. Auf unter 30 Kilogramm abgemagert und eigentlich schon todgeweiht, sei er in Dachau ausgestiegen, habe die Alpenluft durchgeatmet und sei plötzlich wie durch ein Wunder wieder gesund gewesen.</p>
<p>Auch heute erfreut sich Marco Feingold trotz seiner 99 Lebensjahre noch immer bester Gesundheit. Nach der Befreiung durch die Alliierten hat es ihn nach Salzburg verschlagen, wo er sich eine neue Existenz aufbaute. Zuerst als Leiter einer Verpflegungsstelle für politisch Verfolgte, dann als Betreiber eines Modegeschäftes und heute, in seiner Pension, als Präsident der israelitischen Kultusgemeinde. Und obwohl jede Frage und jede Antwort schmerzvolle Erinnerungen in ihm wachrufen, ist sein Engagement gegen das Vergessen ungebrochen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.deisenberger.com/?feed=rss2&#038;p=204</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Das schnelle Vergessen</title>
		<link>http://www.deisenberger.com/?p=187</link>
		<comments>http://www.deisenberger.com/?p=187#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 06 Feb 2015 10:31:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.deisenberger.com/?p=187</guid>
		<description><![CDATA[<p><img width="300" height="200" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/P2J4337-300x200.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="_P2J4337" /></p>Warum uns das Leid von Menschen, die in weit entfernten Ländern leben, alle etwas angeht. Raubmord, Entführung, Erpressung&#8230; Was die heimischen Medien aus Kolumbien zu berichten wissen, gibt selten Anlass zur Freude. Der Versuch, sich vor Reiseantritt in der Online-Ausgabe Österreichs angeblich bester Zeitung rasch einen Überblick über die jüngste Geschichte des Landes zu verschaffen, [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="300" height="200" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/P2J4337-300x200.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="_P2J4337" /></p><p><em>Warum uns das Leid von Menschen, die in weit entfernten Ländern leben, alle etwas angeht.</em></p>
<p>Raubmord, Entführung, Erpressung&#8230; Was die heimischen Medien aus Kolumbien zu berichten wissen, gibt selten Anlass zur Freude. Der Versuch, sich vor Reiseantritt in der Online-Ausgabe Österreichs angeblich bester Zeitung rasch einen Überblick über die jüngste Geschichte des Landes zu verschaffen, scheitert dann auch kläglich. Im Suchzeitraum von ganzen zwei Jahren findet sich außer Fußballergebnissen nur eine einzige Meldung: Einer amtierenden Schönheitskönigin wurde ihr Titel aberkannt, weil man ihr ein Naheverhältnis zur Drogenmafia nachweisen konnte. Kein Wahlergebnis, keine einzige Meldung von politischer Relevanz, nur Fußball und fragwürdige Sensation. </p>
<p>Wie selektiv unsere durch Medien gesteuerte Wahrnehmung ist, zeigen die nackten Zahlen: Oder wussten Sie, dass in Kolumbien zwischen 1996 und 2009 etwa 30.000 Menschen jährlich und aus den unterschiedlichsten Gründen, auch politischen, ermordet wurden? Wussten Sie, dass allein in den Jahren 2003 bis 2009 353 Rechtsanwälte, Staatsanwälte und Richter ermordet wurden?<br />
Wussten sie, dass Mord trotz der wahnwitzigen Zahl von insgesamt 3.000 Staatsanwälten und einem Generalstaatsanwalt in Kolumbien oft als Privatanklagedelikt behandelt wird? Das heißt: Bei Mord wird zwar von Amts wegen ermittelt, aber nicht unbedingt. Die Angehörigen müssen vielmehr einen entsprechenden Verfolgungsantrag stellen, den sie allerdings selten stellen, weil sie sonst mit Drohungen der Täter und falls diese nicht ausreichen, um die Antragsteller mundtot zu machen, mit Gewaltakten zu rechnen haben. Stellen Sie sich vor, ihr Kind wird getötet und Sie werden, weil sie Gerechtigkeit wollen, mundtot gemacht. Unvorstellbar? Das kann es nicht geben?</p>
<p>Und ob: Sandra aus Sierra Morena hat genau dieses Schicksal ereilt. Sandras Sohn wurde vor etwa einem Jahr von zwei Polizisten kaltblütig erschossen, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war. Die beiden „Ordnungshüter“ hatten irrtümlich geglaubt, er wolle sich ein Stück ihres „Drogenkuchens“ sichern, und nicht lange gezögert. Wer dem „Topf“ („olla“)– so nennt man im Volksmund die Plätze, an denen Drogen umgesetzt werden, zu nahe kommt – wird umgehend kaltgestellt. Sandras Sohn war sofort tot gewesen, wie man ihr versicherte. Fälle wie diesen lässt man also aus Angst, sich durch einen Verfolgungsantrag selbst zur Zielscheibe zu machen, meist auf sich beruhen.<br />
Nicht so Sandra. Zu groß war das Verlangen, die Mörder ihres Sohnes zur Rechenschaft zu ziehen. Und so schob sie die Vernunft wie einen ihrer Töpfe beiseite und stellte den Antrag. Doch ihr Fall lag noch komplizierter als viele vergleichbare. Da die Mörder Polizisten waren, bewirkte Sandras Antrag nämlich, einen ganz wesentlichen Teil der Polizei – nämlich den, der korrupt ist – gegen sich aufzubringen. Schon Wochen später musste sie einsehen, dass sie mit ihrer mutigen Tat vielleicht doch einen Fehler begangen hatte, denn die Drohungen hatten nicht lange auf sich warten lassen. Und schließlich musste sie ihr Viertel verlassen, um nicht Verwandte und andere Leute, die ihr nahe standen, in Lebensgefahr zu bringen.<br />
Doch damit nicht genug: Denn es stellt sich die Frage, wie lange Sandra noch an ihrem Arbeitsplatz als Köchin einer sozialen Einrichtung tragbar ist. Wenn sich herumspricht, wo sie arbeitet, wird das Risiko, dass sie Ziel eines Anschlags wird und dadurch einen oder mehrere der Menschen, die an ihrem Arbeitsplatz ständig in ihrer Nähe sind, in Gefahr bringt, vielleicht zu groß und man muss sich, um sich zu schützen, von ihr trennen. </p>
<p>Noch ist es nicht so weit. Noch lebt man in Sierra Morena einigermaßen sicher, bei CES Waldorf, gerade weil dort die Kinder aller Bewohner in den Kindergarten gehen. Dadurch ist CES Waldorf so etwas wie eine von allen Seiten und Konfliktparteien respektierte Tabuzone. </p>
<p>Aber das Eis ist, wie man sehen kann, mitunter dünn. Auch Tabus können jederzeit gebrochen werden. Es ist wie die Ruhe vor dem Sturm, der jederzeit ausbrechen kann. Unvorstellbar, dass uns respektive unsere Medien das alles scheinbar wenig bis gar nicht interessiert. </p>
<p>Zurück zur Recherche: Geht man in seiner Suche nach brauchbaren Artikeln über Kolumbien in österreichischen Medien zeitlich weiter zurück und bindet auch andere Zeitungen ein, lässt sich schon ein gewisser Trend ablesen: Brauchbares findet sich nur in Fachzeitschriften, so genannten „Special Interest“-Magazinen, und dort nur eher selten, während die Berichterstattung in der Tagespresse hierzulande durch Katastrophen und Kuriositäten bestimmt ist. Mord und Models, Drogen und Willkür, Fußball und Fragwürdiges. Dass Menschen leiden, sterben, scheint uns schlichtweg nicht zu interessieren. Was mag wohl schuld sein an dieser selektiven Wahrnehmung? Ein generell eurozentrisches Weltbild? Ignoranz?</p>
<p>In einem Interview lieferte ein renommierter Atomphysiker mir gegenüber mal eine, vielleicht die einzig plausible Erklärung dafür: Er nannte es „die Halbwertszeit des Vergessens“. Was er damit meinte, war: Selbst die größte aller Katastrophen, der Supergau in einem Atomkraftwerk etwa, interessiert uns nur ganze drei Wochen, so seine Einschätzung. Sobald die größte Gefahr für Leib und Leben gebannt ist – und das dauerte in Fukushima seiner Beobachtung nach etwa drei Wochen &#8211; ist das Thema vom Tisch und wir verschwenden keinen Gedanken mehr daran, was aus Land und Leuten wurde. Wir brauchen neue Sensationen, neue Katastrophen. „Die Halbwertszeit des Vergessens“ – bei einem Supergau beträgt sie also drei Wochen. Bei kleineren Katastrophen liegt sie deutlich darunter. Noch niedriger allerdings liegt sie, wenn sich die Katastrophen häufen und das Elend ein prolongiertes, ein ständiges ist. Wozu noch über den Kongo, den Sudan oder Afghanistan berichten? Dass dort täglich Leute sterben, ist hinlänglich bekannt. Der Informationsgehalt neuer Greueltaten wird als so gering erachtet, dass wir ganze Länder, ganze Kontinente aus unserer Wahrnehmung verbannen. Besser wir blenden aus und vergessen, um so weitermachen zu können wie bisher.</p>
<p>Indem wir aber solchermaßen selektieren, überlassen wir die Menschen in diesen Ländern – und letztlich geht es immer um Menschen – sich selbst. Ganze Landstriche und Länder versinken im Chaos, ohne dass uns das groß beunruhigen würde.</p>
<p>In diesem selektiven bzw. bewusst auswählendem Umgang mit Elend und Unmenschlichkeit liegt ein großes Missverständnis begraben: Gewisse Dinge – möchte ich behaupten &#8211; kann man einfach nicht vergessen, wenn man sie einmal gesehen hat. Und zwar nicht im Fernsehen, sondern „live“, vor Ort. Gewisse Dinge brennen sich, so man sie wirklich gesehen oder in einem glaubhaften Bericht darüber gehört oder gelesen hat, in die Netzhaut, in unser Gedächtnis ein, um dort für immer ihr Unwesen zu treiben.</p>
<p>Die „Halbwertszeit des Vergessens“, diese geringe Zeitspanne an Aufmerksamkeit, die wir Dingen entgegen bringen, gilt damit nur für all jene, die nie vor Ort waren, die nie in Fukushima waren, und gesehen haben, wie die Menschen dort um ihre letzte Würde kämpfen, die nie in Honduras oder im Sudan waren, und gesehen haben, wie sich dort Kinderarmeen gegenseitig ausradieren, und die nie gesehen haben, aus welchen Lebensverhältnissen die von CES Waldorf und all den anderen in diesem Buch vorgestellten Kindergarten- und Schulprojekten auf anthroposophischer Grundlage betreuten Kinder herkommen und wo sie wären, würde man sich dort nicht um sie kümmern.</p>
<p>Und genau darin liegt nun unser aller menschliche Pflicht: gemeinsam gegen die selektive Wahrnehmung, gegen das schnelle Vergessen anzugehen, indem wir dafür sorgen, dass das Unrecht, das dort Tag für Tag geschieht, bekannt wird, und indem wir – noch wichtiger &#8211; beschreiben und so erfahrbar machen, was konkret gegen dieses Unrecht getan wird, und dass es genau deshalb nicht hoffungslos ist, weil täglich Menschen unter schwierigsten Bedingungen und unter Einsatz all ihrer Kraft dafür kämpfen, dass es irgendwann einmal besser wird. Diesen Kampf gilt es zu beschreiben und erfahrbar zu machen, denn er ist kein „Special Interest“. Ganz im Gegenteil: Er geht uns alle an. Genau deshalb haben wir dieses Buch gemacht. Weil wir hoffen, mit ihm einen Teil des Kampfes erfahrbar zu machen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.deisenberger.com/?feed=rss2&#038;p=187</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kurz vor dem großen Sturm</title>
		<link>http://www.deisenberger.com/?p=181</link>
		<comments>http://www.deisenberger.com/?p=181#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 05 Feb 2015 16:47:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.deisenberger.com/?p=181</guid>
		<description><![CDATA[<p><img width="206" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Ilija_trojanow_by_thomas_dorn_232_KB-206x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="ilija trojanow 2007 zrich" /></p>"Mittlerweile arbeiten in den USA prozentuell gesehen mehr Leute für die Staatsicherheit als damals in der DDR"]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img width="206" height="300" src="http://www.deisenberger.com/wp-content/uploads/Ilija_trojanow_by_thomas_dorn_232_KB-206x300.jpg" class="attachment-medium wp-post-image" alt="ilija trojanow 2007 zrich" /></p><p><em>„Hallo, hört ihr euch eigentlich zu?“ fragt uns der Schriftsteller und Polit-Aktivist Ilja Trojanow. Ein Gespräch über Sicherheitswahn, dekadenten Zeitgeist und die Lust am Genozid.</em></p>
<p>In seinem Essay „Der überflüssige Mensch“ beschäftigt sich Ilja Trojanow mit der Entwertung des Menschen durch Technisierung und Automatisierung. „Überflüssig“ erachteten offenbar auch die US-Einwanderungsbehörden den Erfolgsschriftsteller, als sie ihm trotz gültigen Visums ohne Nennung von Gründen die Einreise zu einem Germanisten-Kongress verweigerten – eine Aktion, die wie kaum eine andere dieses Jahr eine breite mediale Diskussion über Bürgerrechte entfachte und der Trojanow deshalb nachträglich nur Gutes abgewinnen kann. Mittlerweile hat er – abermals ohne Angabe von Gründen – ein Langzeitvisum erhalten. Ein unangenehmer Nachgeschmack bleibt dennoch zurück. Doch ist es tatsächlich so einfach? Der unangenehme Intellektuelle da, die Post-Demokratie, der jeder einzelne ebenso ausgeliefert ist wie der Diktatur, dort?</p>
<p><strong>„Die Gesetze des Marktes markieren die Grenzen der Freiheit“ schreiben Sie in „Der überflüssige Mensch“. Insofern ist es doch fast folgerichtig, dass Ihnen als jemandem, der genau das kritisiert, von einem Staat, der nur noch den Gesetzen des Marktes gehorcht, die Einreise verweigert wurde?</strong><br />
Da gibt es wie so oft eine generelle und eine spezielle Sichtweise: Grundsätzlich ist unser Demokratieverständnis, wonach wie alle vier Jahre wählen dürfen, sonst aber die Macht bei Großkonzernen und anderen Spezialinteressen und ihrer Einflussnahme auf die Parlamente liegt, extrem limitiert. Dennoch vertraut der einzelne im Speziellen darauf, dass er im Rahmen des noch existierenden Rechtsstaates halbwegs legal und damit gerecht behandelt wird. Für die Einreise in einen Staat wie die USA gibt es ganz klare Regularien. Und nach denen war es einfach Unrecht, mich am Besteigen des Flugzeuges zu hindern.</p>
<p><strong>Aber ist dieses Vertrauen, wenn man sieht, wie willkürlich man sich im Einzelfall über existentes Recht hinwegsetzt, nicht hinfällig?</strong><br />
Das Vertrauen ist nicht gerechtfertigt, wenn man daraus den Schluss zieht, wir hätten einen funktionierenden Rechtsstaat und könnten uns deshalb zurücklehnen. Es geht aber darum, wie man mit den Widersprüchlichkeiten umgeht. Wie verteidigt man eine zivilisatorische Leistung? Heute erleben wir mit Guantanamo aber auch in der Flüchtlingspolitik, dass Leute eingesperrt werden, ohne dass man weiß wie lange und ohne dass sich der Staat groß dafür rechtfertigen müsste. Ohne den Staat zu idealisieren, ist es als Autor oder Journalist wichtig darauf hinzuweisen, dass es gewisse staatliche Errungenschaften, den Habeas Corpus etwa, gibt, die man allerdings statt sie weiter zu entwickeln, einfach wieder abbaut.</p>
<p><strong>Morton Rhue, Autor des Buches „Die Welle“, dem man allein dadurch schon eine gewisse Sensibilität für das Thema Demokratie &amp; Diktatur zutrauen sollte, saß neulich in einer Literatursendung des ORF und rechtfertigte dort – weitgehend unwidersprochen &#8211; die Überwachung des Bürgers durch die NSA pauschal mit 9/11. Warum sind Intellektuelle, wenn es um diese demokratischen Errungenschaften geht, plötzlich so unempfindlich? Ist das Angst oder Dummheit?</strong><br />
Ohne Herrn Rhue nahetreten zu wollen, ist ein Romancier per se noch kein Intellektueller. Die Schriftstellerei ist zuallererst eine achtenswerte handwerkliche Fähigkeit. Das aber heißt noch lange nicht, dass man auch imstande ist, die Gesellschaft kritisch zu analysieren. Dass nach 9/11 eine neue Welt der Überwachung und der Kontrolle eingeführt wurde, ist einfach unwahr. Vielmehr wurde das bereits existierende System durch eine Anschubfinanzierung ausgebaut. Und die Profiteure dieses Sicherheitswahns fahren jetzt unglaubliche Rendite ein. Und der eingeschlagene Weg ist – das bestätigen alle Sicherheitsfachleute – auch nicht der richtige, um Terrorismus zu bekämpfen. Man braucht einen enormen Apparat – mittlerweile arbeiten in den USA prozentuell gesehen mehr Leute für die Staatsicherheit als damals in der DDR, und darüber, was das mit einem Staat anstellt, wenn so viele Leute für die STASI arbeiten, sollte man sich ernsthaft Gedanken machen. Dieser enorme Apparat soll, ohne genau zu wissen, wonach er eigentlich sucht, die Datenakkumulation finden soll, die eine Gefahr darstellt. Das ist das genaue Gegenteil von Sicherheitspolitik. In diesem Heuhaufen findet man doch nichts mehr. Wenn es wirklich um unsere Sicherheit vor terroristischen Anschlägen ginge, müsste man sich die Frage stellen, was man mit all diesem Geld, das in den Apparat gesteckt wird, konkret gegen den Terrorismus tun könnte.</p>
<p><strong>Wenn es nicht um Terrorbekämpfung geht, warum gibt es diesen Apparat dann?</strong><br />
Weil es extrem schwer ist gegen Propaganda anzukämpfen. Meine Erfahrung ist, dass diese Maschinerien wie Taifune sind, die alle bestehenden Erkenntnisse wegfegen, sodass man wieder von vorne beginnen muss. Nach jedem Terroranschlag passiert das Selbe: Eine Mischung aus Panik, blindem Aktionismus und Dummheit greift um sich. Da ist es extrem schwer, die Diskussion auf das zurückzuführen, worum es eigentlich geht. Zusätzlich dazu sind Bürgerrechte in der Wahrnehmung der Bürger ein trockenes Thema.</p>
<p><strong>Die Tatenlosigkeit der deutschen Bundesregierung in Sachen NSA ist evident. Noch tatenloser allerdings ist man in Österreich. Davon, dass es ähnliche Übergriffe hierzulande gab und gibt, ist auszugehen. Ist es hier um die Bürgerrechte und die demokratische Grundeinstellung noch schlimmer bestellt als in Deutschland?</strong><br />
Ich vermute schon. Den ersten Fehler machen wir, wenn wir glauben in einer demokratisch verfassten Gesellschaft zu leben. Wichtiger als die Verfassung und das politische System ist nämlich die Haltung. Freiheit ist nichts, was sich institutionalisieren lässt. Natürlich ist es gut, wenn sie in der Verfassung verankert ist. Viel wichtiger aber ist, wenn sich die Menschen als freie Subjekte empfinden und dadurch allergisch auf alle Versuche einer Einschränkung reagieren. Mit der demokratischen Verfasstheit in unserem Land aber sollte man keine Illusionen haben. Die meisten Menschen sind doch in extrem durchherrschte Arbeitsverhältnisse eingebunden. Der Lauschangriff, den wir hier jetzt am Beispiel der NSA-Übergiffe diskutieren, ist in der Privatwirtschaft längst etabliert. In großen Konzernen werden alle Räume überwacht. Jeder Computer und damit die Arbeitseffizienz jedes einzelnen wird überwacht. Das hat zur Folge, dass sich der einzelne alles andere als frei fühlt. Und so ist es schwer vorzustellen, dass er am abend nach Hause kommt und dann plötzlich seine Freiheit auspackt, d.h. sich im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang gar nichts sagen lassen will.</p>
<p><strong>Revolution ist für die meisten ein Begriff, der geradezu unfassbar weit weg ist. Ist das nicht ein riesiger Irrtum? Sollten wir nicht Bewusstsein leben, dass das Eis, auf dem unsere Zivilisation aufbaut, sehr dünn ist?</strong><br />
Ich bin gar nicht sicher, ob wir uns Revolution nicht vorstellen können oder nur eine ganz bestimmte Form der klassischen gesamtgesellschaftlichen Revolution. Spezifische Revolutionen werden ja konstatiert. Zu Recht, denn was bestimmte technologische Entwicklungen mit sich brachten, war revolutionär. Wieso man aber davon ausgeht, dass revolutionäre technologische Entwicklungen nicht auch zu revolutionären sozialen Entwicklungen führen, ist mir schleierhaft. Das ist dem dekadenten Zeitgeist geschuldet. Dass man davon ausgeht, alles wäre starr, ist eine besondere Form der Dummheit, denn nichts ist evidenter als dass ständig überall Veränderung passiert. Wir leben in Zeiten, in denen die inneren Widersprüche des Systems enorm sind, und das ist eine absolute Notwendigkeit jeder Revolution. Andererseits gibt es da diese große Lethargie, eine Apathie und Ratlosigkeit. Dieser Widerspruch ist einzigartig in der Menschheitsgeschichte. Ich denken, wir befinden uns kurz vor dem großen Sturm.</p>
<p><strong>Was genau meinen Sie damit?</strong><br />
Um diese enormen Datenmengen speichern und bearbeiten zu können, hat die NSA ein riesiges Daten-Center in Bluffdale/Utah gebaut. Der Strombedarf dieses Datenwerks ist so enorm, dass man die Eröffnung wegen mehrerer System-Kurzschlüsse bis zum heutigen Tage zwei Mal verschieben musste. Derart labile Systeme zum Einsturz zu bringen, ist doch denkbar einfach. Dafür braucht es vielleicht fünf Leute, die ein bisschen was von Sabotage verstehen. Und genau das ist es auch, was in unserer Gesellschaft oft übersehen wird: Unsere Welt ist enorm labil. Die meisten Formen von Kontrolle und Herrschaft sind labil. Das einzige, was sie am Leben hält, ist diese Apathie. Aber das kann sich schnell ändern.</p>
<p><strong>Apropos Apathie: Sie sprechen in Ihrem Buch vom Genozid durch Unterlassung. Der einzelne mache sich durch Duldung am Massensterben (etwa in Afrika) schuldig. Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern, um dem ständigen Wegschauen ein Ende zu bereiten?</strong><br />
Diesbezüglich hatte ich schon heftige Diskussionen mit Aktivisten, die oft der Meinung sind, die Gesellschaft sei schon ausreichend informiert. Ich bezweifle das. Es kommt darauf an, welche Qualität die Information hat. Hat sie die Qualität etwas zu verändern oder geht sie in diesem Strom, der täglich durch uns durch fließt, auf. Das Problem an Information ist doch, dass sie nicht automatisch zu Empathie führt. Upton Sinclair hat einmal gesagt, nichts sei schwieriger ist als einen Menschen von einer Wahrheit zu überzeugen, die seinen eigenen wirtschaftlichen Interessen zuwider läuft.</p>
<p><strong>Der letzte Satz Ihres aktuellen Buches lautet: „Unter dem Zwang, unentwegt zu funktionieren und zu konsumieren, fällt es uns zunehmend schwer, Empathie zu spüren, Glück zu empfinden.“ Das klingt fast wie eine Entschuldigung, weiter untätig zu bleiben.</strong><br />
Ich versuche einfach zu analysieren, warum wir so ticken wie wir ticken. Fakt ist: Noch nie haben wir so viel Ressourcen verbraucht. Unser Wohlstand hat ja auch sehr viel damit zu tun, dass andere Menschen für sehr wenig Geld ihren Beitrag dazu leisten. Noch nie also waren wir auf Kosten anderer so überprivilegiert. Noch nie aber auch haben wir uns so unglücklich gefühlt und so viel von Krise geredet wie heute. Das ist das große Paradoxon. Wir haben sehr viele Leute in unserer Gesellschaft, die ständig unter Druck sind und funktionieren müssen, sich daher nicht als Gewinner, sondern als potenzielle Verlierer sehen. Das Zusammenspiel von Überprivilegierung und Krise ist ein ganz merkwürdiges.</p>
<p><strong>Sie sagen auch – ich zitiere: „Wenn man das Privileg hat, keinen existenziellen Überlebenskampf führen zu müssen, sollte man sich nicht in seiner Privatsphäre einigeln.“ Das klingt wiederum nach einer klaren Aufforderung, dagegen anzugehen.</strong><br />
Da geht es mir um die so genanten Gutmenschen, die behaupten, das Elend nicht mehr zu ertragen. Hallo, hört ihr euch eigentlich zu? Wie kann es sein, dass einen die existenziellen Sorgen der anderen, mit denen man erst mal nichts zu tun hat, deprimieren? Wer keine Sorgen hat, hat auch kein Recht darauf, sich deprimieren zu lassen. Im Gegenteil: Dann hat man die erstaunliche Freiheit, sich mit den Problemen der Welt auseinander zu setzen. Man hat Freiräume und diese Freiräume muss man nutzen.</p>
<p><strong>Sie nehmen also den neuen Biedermeier in die Pflicht?</strong><br />
Es ist doch erstaunlich, wie gemütlich es sich die Leute eingerichtet haben in der Meinung, es sei eh schon alles zu spät. Das wollte ich ja auch in dem Kapitel über die totale Dominanz der Dystopien in der Populärkultur zum Ausdruck bringen.</p>
<p><strong>Das einzige Kapitel Ihres Buches, das ich nicht ganz nachvollziehen kann.</strong><br />
Wieso?</p>
<p><strong>Weil ich glaube, dass es in diesen Zombie-Endzeitvisionen weniger um Ausgrenzung als um die Lust geht, das Böse greifbar vor sich zu haben und es bekämpfen zu können. Diese Klarheit ist uns ja ziemlich abhanden gekommen, oder nicht?</strong><br />
Schon, aber die Serie „Walking Dead“ beginnt – wie auch all die anderen Filme und Serien dieser Art – damit, dass es eine Form von Apokalypse gibt. Und das halte ich für eine unglaubliche Provokation. Das bedeutet doch, dass ein Großteil der Menschheit vernichtet wurde. Der größte Genozid aller Zeiten fand also statt. Und danach geht es relativ frivol und spannend zu. Wenn man sich überlegt, wie groß die Traumatisierung nach dem Holocaust war, ist diese Lust am Genozid ein schwer zu nachzuvollziehendes Phänomen. Ähnlich phänomenal ist auch der Satz, den ich immer wieder zu hören kriege: „Was willst du eigentlich? Ist doch eh keine Demokratie, was wir da haben.“ Das sichere Wissen also, dass eine gerechte Gesellschaft völlige Utopie ist. Die Zivilisation geht zu Ende, na und? Gerechtigkeit gibt es nicht, na und? Das sind Abfindungen, die horrend sind.</p>
<p><strong>Von der Apokalypse zur Vision: Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen, hat Altkanzler Helmut Schmidt einmal gesagt. In Ihrem Buch haben Sie diesen Satz abgewandelt in „Wer keine Visionen hat, sollte zum TÜV gehen.“ Spricht daraus auch der Ärger über die Linke, die sich irgendwann voll und ganz in diesem nüchternen Pragmatismus diktatorischen Einschlags, den Schmidt verkörpert, verschrieben hat?</strong><br />
Gegenfrage: Gibt es überhaupt noch Linke? Links zu sein bedeutete für mich immer utopische Entwürfe zu generieren oder daran zu glauben. Daraus ergibt sich progressives Verhalten. Das große Versagen der Linken ist doch, dass sie sich die utopische Butter vom Brot nehmen ließen, und diese dominante Lüge, wonach Utopie zwangsläufig zu Diktatur und Totalitarismus führt, akzeptiert zu haben. Das ist hanebüchen. Viel mehr ist sie die Folge von Ressentiments, Rassismus und Kapital. Utopisches Denken dagegen ist notwendig.</p>
<p><strong>Wie stellen Sie sich das vor? Soll jeder einzelne Utopien entwickeln?</strong><br />
Nein. Das ist die Aufgabe von Freidenkern: Künstler, Autoren&#8230; Die Standard-Chefredakterin hat mir unlängst erzählt, dass 90% aller Leute, die ihr Abo kündigen, als Grund dafür Zeitmangel angeben. Nun wissen wir aber, dass unsere Gesellschaft relativ viel Freizeit hat. In Wahrheit ist es eine Frage der Priorität. Während manche Tätigkeiten in der Freizeit als Muss wahrgenommen werden, gehört sich politisch zu bilden und radikal zu denken offenbar nicht dazu.</p>
<p><strong>Eine Ihrer Visionen ist es, in den Menschen und nicht in Software zu investieren. Wie realistisch ist diese Vision angesichts stetig gekürzter Bildungs-Budgets?</strong><br />
Im Moment ist das natürlich nicht realistisch. Und weil ganz klar erkennbar ist, dass es nur noch über die Zurichtung des Individuums als effizientes Objekt in der Wirtschaft geht, müssen wir auch das ganze kranke System überwinden. Ich kenne niemand, der an der Uni arbeitet und nicht erzürnt und enttäuscht ist. Wahrscheinlich ist auch das einmalig in der Geschichte: Dass sich die gesamte akademische Elite darüber einig ist, dass der Weg, den wir beschreiten, vom profunden Denken weg führt.</p>
<p><strong>Sehen Sie das als Kollateralschäden eines Systems, das kurz vor dem Kollaps beginnt sich auf das Wesentliche zu reduzieren?</strong><br />
Ja, aber Kunst und Bildung galten immer schon als Art Luxus. Dass Eliten überversorgt werden, hingegen nie.</p>
<p><strong>Die Konzentration des Geldes in den Händen weniger ist in Österreich viel weiter fortgeschritten als in Deutschland, wie sie in Ihrem Buch belegen. Wieso stört das niemanden?</strong><br />
Es ist mir ehrlich gesagt schleierhaft. Eine Erklärung könnte sein, dass der Reichtum hierzulande schwer sichtbar ist und der kausale Zusammenhang zwischen Anhäufung auf der einen und Mangel auf der anderen Seite, den man für soziale Rebellion immer braucht, deshalb nicht spürbar ist.<br />
In der Regierungspropaganda wird immer noch extrem erfolgreich behauptet, es sei ganz allgemein kein Geld da. Alle müssten deshalb den Gürtel enger schnallen. Das glauben dann die meisten. Schon als Metapher ist das aber absurd: Wenn jemand, der 300 Kilo hat, den Gürtel enger schnallen soll, dann ist das für ihn gesundheitsfördernd. Für einen chronisch Unterernährten aber ist es lebensgefährlich. Dass es abermals gelang, die Schaffung einer Vermögenssteuer zu verhindern, ist nur durch erfolgreiche Propaganda der Vermögenserhaltungsindustrie zu erklären.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.deisenberger.com/?feed=rss2&#038;p=181</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
